Künstliche Intelligenz (KI) ist in vielen Praxen längst angekommen – oft unauffällig, aber mit spürbarem Effekt. Der stellvertretende Young MEDI-Sprecher und Gastroenterologe Dr. Florian Grabs aus Tauberbischofsheim beschäftigt sich mit dem Einsatz der KI im Praxisalltag und berichtet, wo KI heute schon hilft und welche Anwendungen in Zukunft Potenzial haben.
In seiner gastroenterologischen Praxis hat Dr. Florian Grabs längst viele Berührungspunkte mit künstlicher Intelligenz, etwa bei der Polypendetektion in der Endoskopie: „KI unterstützt uns bei der Erkennung von Quantität und Qualität der Polypen.“ Noch würden verdächtige Befunde grundsätzlich entfernt. Perspektivisch könnten KI-Systeme jedoch helfen, Risiken genauer einzuschätzen. Um differenzierte therapeutische Entscheidungen geht es auch bei dem von Grabs mit initiierten MEDI-Pilotprojekt SpecialiCED – einer KI-basierten Software zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (CED). Doch auch jenseits hochspezialisierter Anwendungen ist KI in Grabs` Praxis präsent. „Das Diktierprogramm, das Sprache eins zu eins transkribiert und ins PVS überträgt, ist zwar keine KI-Anwendung im klassischen Sinn. Aber was es dazulernt, basiert auf KI.“ Ambivalenter bewertet er andere Tools: „Mit einem Raummikrofon, das Anamnesegespräche aufzeichnet und medizinische Zusammenfassungen daraus generiert, waren wir bislang nicht zufrieden.“ Doch auf lange Sicht könnten solche Systeme den Praxen sicherlich Arbeit sparen.
KI kann Bürokratie reduzieren
Gleiches gilt für Organisations-Tools wie KI-gesteuerte Telefonassistenten, die Termine vereinbaren, gezielt bei den Anrufenden nachfragen und den genauen Ressourcenbedarf für den Termin ermitteln können: „Darauf baue ich, damit wir die Patientenströme genauer steuern können.“ Ähnlich bewertet er die Pilotversion einer KI, die dokumentierte Befunde checkt und unmittelbar in die dazugehörigen Abrechnungsziffern übersetzt. „Derzeit brauchen wir noch eine MFA zur Kontrolle, doch sie hat dank des Tools deutlich weniger Arbeit und muss sich mit weniger Bürokratie herumärgern“, erzählt er. Noch muss die Software zwar ein paar juristische Hürden nehmen. Doch perspektivisch könnte sie das Praxisteam zusätzlich entlasten. Herausfordernder sei es, mit Patientinnen und Patienten umzugehen, die mit KI-generierten Verdachtsdiagnosen in die Sprechstunde kommen. Grabs hofft daher auf spezialisierte KI-Systeme, die Brücken zwischen Wissenschaft und medizinischen Laien bauen. Seit Kurzem engagiert er sich im Beirat des Start-ups AImax, das KI-Agenten für das Gesundheitswesen entwickelt. Darunter ein nach den deutschen hausärztlichen Leitlinien konfigurierter KI-Agent und Avatar, der eine Ersteinschätzung sowie administrative Entlastung im Kontext einer digital assistierten Steuerung in der Primärversorgung möglich macht. Wenn KI auf diese Weise bei der Patientensteuerung helfe, könnten Praxen die frei gewordenen Ressourcen an anderer Stelle nutzen. Grabs rechnet allerdings nicht damit, dass auf diese Weise mehr Zeit pro Termin frei wird. Angesichts des demografischen Wandels hält er ein anderes Szenario für realistisch: „Es besteht das Risiko, dass sich durch KI das Hamsterrad nur noch schneller dreht. In der Konsequenz werden wir vermutlich einfach mit weniger Ärztinnen und Ärzten mehr Patientinnen und Patienten versorgen.“
Antje Thiel



