Menschen eine Krebsdiagnose oder eine andere lebensverändernde Erkrankung mitzuteilen, gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben im ärztlichen Alltag. Die Stuttgarter Diplom-Psychologin und MEDI-Psychotherapeutin Dr. Friederike Echtler-Geist erklärt, warum viele Ärztinnen und Ärzte damit ringen, und hat praktische Tipps für die einfühlsame Kommunikation parat.
In ihrer psychotherapeutischen Arbeit erlebt die Stuttgarter Diplom-Psychologin Dr. Friederike Echtler-Geist regelmäßig Patientinnen und Patienten, die sich nach Diagnosegesprächen überrumpelt oder alleingelassen fühlen. Das liegt zum einen am Zeitdruck, der Ärztinnen und Ärzten im Praxis- und Klinikalltag im Nacken sitzt. Doch die Psychologin weiß auch: „Viele tun sich schwer mit den emotionalen Reaktionen ihrer Patientinnen und Patienten.“ In der Folge wechseln sie zu schnell in den Lösungsmodus, wollen schnell Therapieoptionen und Heilungschancen aufzeigen. Dabei erfordert gerade eine schwierige Diagnose eine strukturierte Gesprächsführung. Ein guter Start ist ein vorbereitender Satz wie: „Ich möchte jetzt in Ruhe mit Ihnen über die Untersuchungsergebnisse sprechen.“ Auch eine kurze Vorwarnung ist sinnvoll: „Das Ergebnis ist leider nicht so, wie wir gehofft hatten.“ Denn in Schocksituationen kann das Nervensystem komplexe Inhalte kaum aufnehmen: „Da funktionieren zunächst nur einfache Informationen und funktioniert nur das Emotionale“, so die Psychologin.
Diagnosen klar benennen – mit Empathie
Sie rät zu kurzen Sätzen und bewusstem Innehalten. Dennoch sollte die Diagnose klar benannt werden: „Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass …“ Ehrlichkeit darf dosiert werden, etwa durch Fragen wie: „Möchten Sie Details jetzt hören oder lieber später?“ Gleichzeitig gilt es, emotional präsent zu bleiben. „Man muss das Leid nicht auflösen können, um hilfreich zu sein“, betont Echtler-Geist. Tröstlicher als Floskeln wie „Sie müssen jetzt stark sein“ ist eine empathische Reaktion: „Ich sehe, wie sehr Sie das trifft.” Zum Abschluss des Diagnosegesprächs sollten konkrete nächste Schritte vereinbart werden. Zusammenfassungen oder schriftliche Notizen können bei der Verarbeitung ebenso helfen wie vorbereitetes Informationsmaterial. Gleichzeitig rät Echtler-Geist zur Vorsicht bei Internetrecherchen: „Die meisten beginnen sofort zu googeln – das sind oft ihre schlimmsten Stunden.“
Kommunikationsmodelle können helfen
Menschen verarbeiten schwierige Informationen sehr unterschiedlich: „Wir müssen immer schauen, was für diesen Menschen in diesem Moment richtig ist.“ Strukturierte Modelle wie SPIKES (siehe Kasten) können Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, Sicherheit zu gewinnen und Gespräche professionell zu führen. „Ein guter Rahmen entlastet beide Seiten immens“, sagt Echtler-Geist. Gleichzeitig schützt eine solche Vorbereitung auch vor eigener emotionaler Erschöpfung.
Antje Thiel



