Unklare Hautveränderungen können Menschen stark verunsichern – und auf einen Termin in der Hautarztpraxis wartet man vielerorts Wochen. Teledermatologische Angebote sollen hier Abhilfe schaffen. Dr. Benjamin Durani ist Mitglied des erweiterten MEDI-Vorstands und des Haut- und Laserzentrums Heidelberg. Er berichtet, wie die digitale Hautbefundung funktioniert – und wo sie an ihre Grenzen stößt.
Die Idee entstand 2018 am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Von einem Mitarbeiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) wurde „Online Hautarzt – AppDoc“ entwickelt – die erste in Deutschland zugelassene Teledermatologie-App ohne direkten Arzt kontakt. Ziel des Modellprojekts war es, Wartezeiten zu verkürzen und die Versorgung ortsunabhängig zu ermöglichen. „Wir wurden gefragt, ob wir mit unserem Hautarztzentrum mitmachen wollen“, erzählt Dr. Benjamin Durani, der zum erweiterten MEDI-Vorstand gehört. Der Dermatologe war neugierig und stellte rasch fest: „Wir können damit Menschen helfen, die abends oder im Urlaub plötzlich ein Hautproblem haben und sonst keinen Arzt aufsuchen können.“ Mittlerweile ist das Modellprojekt abgeschlossen und evaluiert, die teledermatologische Befundung durch die Landesärztekammern grundsätzlich genehmigt. Entsprechend tummeln sich längst etliche Anbieter auf dem Markt. Aktuell nutzen Durani und sein Team zwei digitale Plattformen: zum einen OnlineDoctor.de – Partner des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD) – und zum anderen SkinDoc24.de.
Anonyme Befundung ohne personenbezogene Daten
Bei beiden Systemen beantworten Ratsuchende auf der entsprechenden Homepage einige Fragen und laden Fotos der betroffenen Hautstelle hoch. Meist reichen drei Bilder – eine Übersicht und zwei Nahaufnahmen. Die Daten werden verschlüsselt übertragen. Bei OnlineDoctor.de sind Name und Adresse für den Beurteiler der Bilder sichtbar. Im Fall von SkinDoc24.de werden personenbezogene und Abrechnungsdaten auf anderen Servern als die Bilddaten gespeichert, die Befundung erfolgt anonym: „Ich sehe auf dieser Plattform neben den Bildern nur Alter und Geschlecht der Person, keine Namen oder Kontaktdaten“, betont Durani. Eine solche Trennung weiß Dr. Durani zum einen aus Gründen der Cybersicherheit und des Datenschutzes zu schätzen. Er hat aber auch festgestellt: „Patienten haben weniger Hemmungen, uns Bilder aus dem Genitalbereich zu schicken, wenn sie wissen, dass ich nur die Bilder sehe und sonst nichts über sie weiß.“ Die Befundung sei von der Qualität des Fotos und des Fotoausschnitts abhängig. „Bei scharfen, gut belichteten Bildern liegt die Wahrscheinlichkeit für eine korrekte Diagnosestellung bei 99 Prozent“, berichtet Durani. Im Falle heller Hautkrebsformen oder von Ekzemen funktioniere das sehr gut, bei schwarzem Hautkrebs sei die Unterscheidung zwischen sehr verdächtigen und wirklich bösartigen Hautveränderungen schwieriger. „Dafür brauchen wir in einem weiteren Schritt dann weiterhin das Auflichtmikroskop.“ Auch ein komplettes Hautkrebsscreening sei aufgrund der Menge der Bilder via Online-Diagnostik nicht darstellbar, ebenso wenig wie Betreuung chronischer Hauterkrankungen mit langer Vorgeschichte.
Etwa zwei Drittel der App-Befunde sind unkritisch
Mit dem Befund erhalten die Patientinnen und Patienten eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen. Etwa 60 bis 70 Prozent von ihnen kann er beruhigen: Ihre Hautveränderung ist harmlos oder kann mit einem rezeptfreien Mittel selbst behandelt werden. Wer wirklich kontrolliert werden muss, bekommt das unmissverständlich gesagt. „Menschen aus unserer Region bieten wir an, gleich am nächsten Tag zu uns in die Praxis zu kommen“, erzählt der Hautarzt. Die Abrechnung mit den Patientinnen und Patienten übernimmt der jeweilige Plattformbetreiber, der die beteiligten Ärztinnen und Ärzte pro Fall bezahlt. „Aktuell verbringe ich eine halbe bis ganze Stunde pro Tag damit, das entspricht etwa drei bis 15 Fällen“, erzählt Durani. Reich werden könne man mit diesem Geschäftszweig nicht, „aber ich kann es beispielsweise auch abends zu Hause auf dem Sofa machen – und helfe schnell und zielgerichtet“. Der Dermatologe geht davon aus, dass künftig auch künstliche Intelligenz die Hautbilder automatisch vorbewerten und verdächtige Läsionen markieren wird. „Noch sind Haftungsfragen offen, aber das wird kommen – vermutlich in ein paar Jahren.“ Teledermatologie könne die Versorgung erweitern, nicht ersetzen, so sein Fazit: „Wir können Patientinnen und Patienten schneller beruhigen, dringende Fälle herausfiltern und so die Versorgung insgesamt verbessern.“
Antje Thiel



