Wir haben jetzt eine KI-Telefonassistentin. In einer eigens aufgebauten Telefonzelle auf einer Messe konnten wir eine virtuelle Praxis anrufen und die digitale Telefonassistentin testen. Die Verlockung war groß. Bei der Umsetzung in der Praxis gab es dann aber doch einige Überraschungen …
Die Maschine spricht optional 30 Sprachen, was im Speckgürtel von Daimler, Bosch & Co. mit einem hohen Anteil, sagen wir es mal vorsichtig, nicht schwäbisch schwätzender Patientinnen und Patienten durchaus Potenzial hat. Auch ich als „Rein geschmeckter“ musste erst mit der Zeit die Feinheiten der Eingeborenensprache lernen. Zum Beispiel: Dass ein Fuß im Ländle bis zur Hüfte geht. Meine MFA haben mir die KI schmackhaft gemacht. „Kein Gebimmel mehr an der Anmeldung. Und wir können jederzeit in Ruhe das Protokoll abarbeiten.“ Gesagt, getan. Und so zog die KI in unsere Praxis.
KI mit einstellbarem Empathie-Grad
An der Anmeldung ist es seitdem tatsächlich grabesstill. Unsere neue KI-Telefonassistentin heißt Eva und ist sehr nett, den Empathie-Grad kann man sogar einstellen. Eva ist immer gut gelaunt, sehr kompetent und zuverlässig. Und das zum Bruchteil eines MFA-Gehalts. Perfekt, eigentlich. Wären da nicht die Beschwerden unserer realen Patientinnen und Patienten. Meine Praxis liegt sehr ländlich, nahe am Spätzle-Äquator. Die Sprachbarriere ist für Eva nicht leicht, sie wurde anscheinend nicht in Schwäbisch trainiert. Wir haben zunächst nur Hochdeutsch und Türkisch gebucht. So sind die Nachfragen von Eva sehr nervig, aber für Eva auch die Antworten der Patientinnen und Patienten: „Wollt doch bloss mei Bluddruggmidelle, du dumme Kuh! Schwätz doch ned so bled!“ Auch unsere Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zeigten sich mit den Sprachkenntnissen nicht zufrieden. So wird frustriert aufgelegt oder die echte MFA aufgesucht: „Die verstehd mi oifach ned die dumm Bloader, und ausredn lässt‘s mi au ned!“ Eigentlich träumte ich als Nächstes von einem Adam, der für mich künftig die Sprechstunde übernimmt. Aber ohne reale Menschen ist Medizin wohl doch noch nicht zu machen. Also nichts mit dem vorzeitigen Ruhestand in der Toskana. Zu früh gekräht. KI, kikeriki!
Dr. Lothar Scheidig



