Um die Gesundheitskompetenz der Deutschen ist es nicht gut bestellt. Der Bedarf an verlässlicher Orientierung und valider Information ist groß – doch gerade in den sozialen Medien ist die Einordnung schwer. Neben seriöser Aufklärung findet man dort auch viele sogenannte Medfluencer, die medizinische Inhalte mit fragwürdiger Werbung verbinden.
Für Medienwirbel hat eine Studie der Universität Bielefeld von Oktober 2025 gesorgt: Demnach haben knapp 56 Prozent der Menschen in Deutschland nicht genug Gesundheitskompetenz. Gleichzeitig nutzen rund 83 Prozent von ihnen Online-Kanäle, um sich über Medizinthemen zu informieren. Wenn sie sich auf Instagram oder TikTok tummeln, stoßen sie unter Umständen auf den Kanal @handfussmund von Dr. Nibras Naami vom Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und Privatdozent Dr. Florian Babor von der Universitätsklinik Düsseldorf. Die beiden Kinderärzte präsentieren in Videos Tipps zu einem breiten Themenspektrum aus der Kindermedizin. Zudem widmen sie sich in einem Podcast konkreten Fragestellungen.
Gute Kommunikation beeinflusst Therapieerfolg
Auf Instagram folgen den beiden Kinderärzten über 530.000 Menschen, auf TikTok hat ihr Kanal rund 285.000 Follower. Die Motivation für ihr Engagement in den sozialen Medien erklärt Naami so: „Der Therapieerfolg hängt stark von der Kommunikation ab. Wenn ich gut erkläre, wird eine Therapie eher umgesetzt, als wenn viele Fragen offenbleiben.“ Doch Aufklärung braucht Zeit, die im klinischen Alltag häufig fehlt. In einem klassischen Gespräch erreicht sie zudem nur ein einzelnes Gegenüber. „Unsere Podcasts und die Videos auf Instagram und TikTok hingegen machen Aufklärung skalierbar“, erklärt Naami. Längst greifen auch andere Kinderärztinnen und -ärzte darauf zurück: „Viele von ihnen verweisen auf unsere Kanäle, wenn Eltern Fragen zu komplexen Themen haben.“
Content-Kooperationen ohne konkreten Produktbezug
Viel Geld verdienen die Kinderärzte mit ihrem Engagement nicht. Sie beschränken sich auf ausgewählte Content-Kooperationen, etwa zu allgemeinen Präventionsthemen wie Sonnenschutz. Auch ohne Produktnennung oder Kaufaufrufe entsteht für das kooperierende Unternehmen ein Mehrwert, denn es kann das Video auch auf seinen Kanälen verbreiten. Die so erzielten Einnahmen fließen in die professionelle Produktion von Beiträgen. Mit ihrer Arbeitsweise unterscheiden sich Naami und Babor von vielen Medfluencern, die im Rahmen von Werbepartnerschaften auch konkrete Produkte oder Therapien anpreisen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Unter ihnen finden sich auch Medizinstudierende, die anders als approbierte Ärztinnen und Ärzte noch nicht der ärztlichen Berufsordnung verpflichtet sind.
Als Meducator aktiv für digitale Aufklärung
Die beiden Kinderärzte fühlen sich daher wohler mit der Bezeichnung Meducator. „Denn wir versuchen aufzuklären und nutzen dafür digitale Wege“, erzählt Naami. Trotz der berechtigten Kritik an unseriösen Kanälen findet er: „Viele Beiträge zu Medfluencing stellen das Phänomen zu negativ dar.“ Es sei gut und notwendig, dass auch Ärztinnen und Ärzte in diesem Bereich präsent sind. „Man sollte sich mit seinem Wissen nicht hinter Praxis- oder Kliniktüren verschanzen!“ Auch die Landesärztekammer (LÄK) Baden-Württemberg betrachtet das Phänomen differenziert. „Medfluencer erreichen täglich immer mehr Menschen mit ihren Beiträgen – das ist eine Chance und gleichzeitig eine Gefahr“, findet der LÄK-Präsident und designierte MEDI-Spitzenkandidat Dr. Wolfgang Miller. „Einerseits vermitteln viele Ärztinnen und Ärzte über soziale Medien ihr Fachwissen verständlich und niedrigschwellig. Andererseits kann jeder, qualifiziert oder nicht, Aussagen ins Netz stellen – oft genug sind diese Aussagen schlicht falsch, mangels fundierter Sachkenntnis.“
Gütesiegel für gute Gesundheitsinformation
Besonders kritisch sieht Miller Influencer, die mit Angst oder Halbwahrheiten Aufmerksamkeit erzeugen. Er kritisiert auch, „dass kommerzielle Interessen oder Produktwerbung häufig nicht transparent ausgewiesen werden“. Man müsse also kritisch bleiben. Die Ärztekammer unterstütze alle Initiativen für mehr Transparenz und befürwortet die Einführung eines Siegels „Gute Gesundheitsinformation“ analog zu Gütesiegeln im Konsumbereich. „Eine freiwillige Überprüfung medizinischer Inhalte im Netz durch eine unabhängige Institution kann hier ein guter Weg sein.“
Antje Thiel



