Viele angehende MFA starten mit falschen Vorstellungen ins Berufsleben oder fühlen sich den körperlichen wie psychischen Anforderungen des Praxisalltags nicht gewachsen. Etwa 30 Prozent brechen die Ausbildung daher vorzeitig ab. Doch Praxen können aktiv gegensteuern, um MFA-Nachwuchs nachhaltig für die ambulante Versorgung zu begeistern.
Der Beruf der Medizinischen Fachangestellten ist weiterhin äußerst begehrt. In der Rangliste der beliebtesten Ausbildungsberufe landete die MFA-Ausbildung im vergangenen Jahr laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) mit 16.680 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen auf dem ersten Rang. Angehende MFA beginnen ihre Ausbildung in der Regel, weil sie Menschen helfen wollen. Doch die Realität der Praxis holt sie oft schnell ein. Fast die Hälfte würde sich einer aktuellen Analyse zufolge im Nachhinein nicht noch einmal für diesen Beruf entscheiden. Demnach haben nur 20 Prozent vor der Ausbildung den Beratungsservice der Bundesagentur für Arbeit genutzt, fast ebenso viele kommen ohne jedes Praktikum. Ihr Bild vom Beruf ist daher häufig unvollständig, die Enttäuschung entsprechend groß. Praxischefs sollten daher bereits beim Einstellungsgespräch offen kommunizieren, dass der Beruf körperlich fordernd ist und emotional belastend sein kann – mit hektischen Phasen im Praxisalltag. Zu den Belastungsquellen gehören auch Situationen, über die Azubis oft nur ungern sprechen: Ekelreaktionen beim Verbandswechsel, Scham beim Umgang mit intimen Körperregionen oder Unbehagen bei als schwierig empfundenen Patientinnen und Patienten.
Auch für Ekel und Scham eine geeignete Sprache finden
Wer nicht weiß, dass diese Dinge auch erfahrene Fachkräfte manchmal Überwindung kosten, schämt sich für die eigenen Gefühle und zieht im Zweifel Konsequenzen. Ausbildende können gegensteuern, indem sie solche Themen aktiv enttabuisieren. Eine kurze Nachfrage nach belastenden Situationen – „Wie hast du das erlebt?“ – senkt die Hemmschwelle erheblich. Azubis müssen keine unangenehmen Gefühle ablegen, sondern lernen, professionell damit umzugehen. Angehende MFA geben zwar an, dass sie der Umgang mit Menschen am stärksten motiviert. Doch im Praxisalltag gilt es, rasch wechselnde Patientenkontakte zu bewältigen, Emotionen zu regulieren und vertrauliche Situationen professionell handzuhaben – oft ohne jede Vorerfahrung. Praxischefs sollten Kommunikation deshalb als Lernfeld aktiv begleiten: Azubis bei schwierigen Gesprächen zunächst zuschauen lassen, danach gemeinsam das Gespräch reflektieren. Wer eigene Fehler im Patientenkontakt benennt, nimmt Druck und schafft eine Atmosphäre, in der Lernen möglich ist. Tatsächlich sind aber knapp 30 Prozent der Azubis selten oder nie zufrieden mit der Anleitung bei Arbeitsvorgängen. Über 20 Prozent haben Angst davor, Fehler zu machen. Wer nicht ausreichend angeleitet wird, macht Fehler – und wer Fehler fürchtet, stellt keine Fragen. Eine feste Bezugsperson, die regelmäßig ansprechbar ist, wirkt präventiv. Kurze tägliche Check-ins signalisieren: Du gehörst dazu, deine Fragen sind willkommen. Ausbildungsabbrüche entstehen selten über Nacht. Wer als Praxischef regelmäßige, niedrigschwellige Feedbackgespräche etabliert, erkennt früh, wenn es einer Auszubildenden nicht gut geht – und gibt beiden Seiten die Chance gegenzusteuern.
Antje Thiel



