IGeL-Umfrage: Praxen planen mehr Zeit für IGeL-, Privat- oder Selbstzahler- Sprechstunden

22. Juli 2026

Die aktuelle Umfrage von MEDI und seinem Fortbildungsinstitut IFFM zeigt: Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) bleiben für viele Praxen unverzichtbar. Fast einem Viertel dienen sie inzwischen sogar zur Existenzsicherung. Gleichzeitig planen immer mehr Ärztinnen und Ärzte, ihre GKV-Sprechstunden auf das vorgeschriebene Mindestmaß zu reduzieren – ein klarer Trend mit Signalwirkung.

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) polarisieren – während die gesetzlichen Krankenkassen das Narrativ der Abzocke ohne medizinischen Nutzen pflegen, werten Ärztinnen und Ärzte die Selbstzahlerleistungen mehrheitlich als patientenorientierte
Zusatzversorgung, aber auch als notwendige Einnahmequelle. Welchen – auch wirtschaftlichen – Stellenwert sie in baden-württembergischen Praxen haben, hat das Institut für fachübergreifende Fortbildung und Versorgungsforschung der MEDI Verbünde
e. V. (IFFM) zum dritten Mal untersucht. Zwischen dem 21. Februar und 18. März 2026 – also noch vor Bekanntwerden der GKV-Sparpläne des Bundesgesundheitsministeriums – befragte das IFFM 2.790 MEDI-Mitglieder, von denen 130 aus 16 Fachgebieten den ausgefüllten Fragebogen einsandten. Unter den teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten halten 56 Prozent IGeL für wichtig oder sogar sehr wichtig, fast ein Viertel stuft sie als „sehr wichtig zur Existenzsicherung“ ein. Für Johannes Glaser,
Allgemein- und Sportmediziner sowie IGeL-Beauftragter bei MEDI, ist das keine Überraschung: „Der Leistungskatalog der GKV ist begrenzt, und Paragraf 12 SGB V schreibt das Wirtschaftlichkeitsgebot unverändert strikt vor. Wer Patientinnen und Patienten individuell versorgen will, braucht Freiräume – und die bieten IGeL.“

78 Prozent wollen GKV-Sprechstunden begrenzen

Die jüngste Befragung zeigt klare Verschiebungen gegenüber dem Vorjahr: Zwar boten 2025 noch 90 Prozent der Ärztinnen und Ärzte regelmäßig mehr als die vorgeschriebenen 25 GKV-Sprechstunden pro Woche an. Allerdings planen 78 Prozent, diese künftig zu begrenzen, um bei anhaltend hoher Nachfrage mehr Zeit für IGeL-, Privat- oder Selbstzahler- Sprechstunden zu haben. Dies ist ein drastischer Anstieg gegenüber dem Vorjahr, wo nur 21 Prozent dies vorhatten. Für Glaser ist klar: „IGeL werden künftig eine größere Rolle spielen, weil der wirtschaftliche Druck in den Praxen steigt – auch bei denen, die gegenüber Selbstzahlerleistungen bislang eher distanziert waren.“ Die beliebtesten IGeL patientenseitig bleiben laut Umfrage das erweiterte Labor (15 Prozent), Sonografie (zwölf Prozent), Reisemedizin sowie Gutachten/Atteste (je sieben Prozent). Zwei Drittel der Befragten erwirtschaften damit weniger als fünf Prozent ihres Praxisumsatzes, sieben Prozent erzielen dagegen mehr als 20 Prozent. Bei den Kriterien für die Ausweitung des IGeL-Angebots steht Patientennachfrage mit 22 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Verbesserung der Behandlung (18 Prozent). Gegen das weitverbreitete Narrativ der „Abzocke“ spricht der Umstand, dass nur vier Prozent der Befragten IGeL zur Umsatzsteigerung oder Quersubventionierung von GKV-Einkünften nutzen.

Praxen sprechen von Privatsprechstunde statt von IGeL

Überrascht zeigt sich Glaser darüber, wo die Befragten sich über IGeL informieren: Nur 15 Prozent der Befragten nannten den eigenen Berufsverband und acht Prozent MEDI als Hauptquelle für seriöse IGeL-Informationen. Ein Viertel gab an, gar keine
Informationen zu erhalten. „Viele könnten sich besser informieren, wenn sie einfach mal öfter die MEDI-Rundschreiben und die MEDI Times lesen würden“, rät Glaser mit einem Augenzwinkern. Auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint auch der Anteil der Befragten, die IGeL generell für unwichtig halten. Er ist gegenüber dem Vorjahr von 17 auf 25 Prozent gestiegen. Glaser erklärt sich das mit einer gewissen sprachlichen Verschiebung: „Viele sprechen mittlerweile nicht mehr von IGeL, weil der Begriff politisch so negativ konnotiert ist. Sie nutzen deswegen weniger konfliktiv lieber die Bezeichnung ‚Privatsprechstunde‘.“ Der MEDI-Berater fordert eine Versachlichung der Diskussion über Selbstzahlerleistungen: „Die Politik spricht so oft von mündigen Bürgerinnen und Bürgern. Dann darf sie aber auch niemanden bevormunden, der sinnvolle ärztliche Leistungen anbieten oder in Anspruch nehmen möchte, die über den begrenzten GKV-Leistungskatalog hinausgehen.“

Antje Thiel

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