KI: Vom unsichtbaren Assistenten zum digitalen Teammitglied

4. März 2026

Künstliche Intelligenz (KI) ist auch in der ambulanten Medizin auf dem Vormarsch – oft leise im Hintergrund, manchmal sichtbar als Sprachassistent oder smarter Terminplaner. Der Experte Prof. Dr. Raik Siebenhüner und MEDI-Chef Dr. Norbert Smetak schildern, wie Avatare, Dokumentations-Copilots und KI-gestützte Entscheidungsfindung schon heute Praxisprozesse verändern und warum der Mensch trotz dieser Fortschritte im Mittelpunkt bleibt.

Bereits heute steckt in vielen Praxisanwendungen künstliche Intelligenz. Sprich: ein breites Spektrum von Verfahren, die Daten verarbeiten, Muster erkennen und Vorschläge oder Vorhersagen ableiten. „Das läuft sozusagen unter der Haube, integriert in alltägliche Geräte, Softwarelösungen oder Praxisprozesse“, erklärt Prof. Dr. Raik Siebenhüner, Professor für Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der DHBW Stuttgart.

KI wird schon in vielen Bereichen der Medizin eingesetzt

So analysieren und triagieren Algorithmen in der Dermatologie eingesandte Hautbilder. In der Zahnarztpraxis planen KI-Systeme passgenaue Implantate. Radiologie-Module markieren mittels Mustererkennung Auffälligkeiten im PACS. Algorithmusgesteuerte Systeme zur automatisierten Insulindosierung erleichtern den Therapiealltag von Menschen mit Typ-1-Diabetes. In Pilotprojekten wird KI-basierte Software für das Retinopathie-Screening erprobt. Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Siebenhüner unterteilt KI-Anwendungen in der Medizin anhand ihrer technischen Ansätze: Sie reichen von regelbasierten Verfahren wie Entscheidungsbäumen, Interaktionschecks und klinischen Pfaden über Machine und Deep Learning, das unstrukturierte Daten wie Bilder, Sprache oder Biosignale analysiert, bis hin zu generativer KI mit Large Language Models, die natürliche Sprache verstehen und selbst erzeugen können. Hinzu kommen Diffusionsmodelle, die hochrealistische Bilder erzeugen oder vorhandene Bilddaten verändern.

Digitale Helfer können Praxisorganisation entlasten

Für besonders zukunftsweisend hält er Hybridansätze, die datengetriebene und regelbasierte Verfahren kombinieren. „Entscheidend ist: KI ersetzt menschliche Expertise nicht, sondern ergänzt sie – sie ist Werkzeug, nicht Widersacher.“ Schon heute könnten digitale Helfer die Praxisorganisation entlasten, etwa wenn moderne Spracherkennung Diktate strukturiert oder optische Zeichenerkennung (OCR) und semantische Suche Befunde in die elektronische Patientenakte (ePA) einsortieren. Anbieter von Praxissoftware integrieren zunehmend KI-gestützte Telefon- und Terminassistenten in ihre kommerziellen Lösungen. „Richtig eingesetzt, bringt KI Struktur in Daten, Ordnung in Prozesse und Ruhe in einen Arbeitsalltag, der bislang oft von Überlastung geprägt war“, betont Siebenhüner. Für die Zukunft sieht Siebenhüner zwei zentrale Entwicklungen: die patientenzentrierten Anwendungen wie Symptom-Check oder digitale Nachsorge und praxisinterne Systeme wie Abrechnungs- und Dokumentations-Copilots oder Wissensassistenten. „Ich spreche gern vom digitalen Teammitglied, das rechnet, sortiert, priorisiert – und zunehmend auch kommunikativ mitarbeitet“, so der KI-Experte.

Erstkontakt mit einem Avatar

Auch der MEDI-Vorsitzende Dr. Norbert Smetak rechnet damit, dass in zehn Jahren viele Standardanliegen von Patientinnen und Patienten von Avataren bearbeitet werden – inklusive Aktenblick, Rückfragen, Medikationsempfehlung, Terminvermittlung oder Rezeptwunsch. „Wenn eine Patientin zum Beispiel schon häufiger wegen unkomplizierter Harnwegsbeschwerden in Behandlung war und nun eine Folgemedikation benötigt“, erklärt Smetak. Schon heute mag er KI im Praxisalltag nicht mehr missen: Nahezu täglich nutzt Smetak OpenEvidence, eine KI-gestützte Plattform für medizinische Suchen und Hilfe bei der Entscheidungsfindung. „Als Kardiologe habe ich mit Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Begleiterkrankungen zu tun. Insbesondere bei vielen Immun- oder Chemotherapien kann es zu kardialen Problemen kommen. Und weil fast wöchentlich Neues auf den Markt kommt, ist das schwer zu überblicken“, erklärt der MEDI-Chef.

Spürbare Vorteile erhöhen Akzeptanz

Transparenz gegenüber Patientinnen und Patienten ist für Smetak dabei Pflicht: „Man sollte bei weitergehenden Entscheidungen offenlegen, wo KI im Prozess unterstützt hat – ähnlich wie man heute auch die Vorgehensweise bei einzelnen Krankheitsbildern über die Leitlinien begründet.“ Er beobachtet eine hohe Akzeptanz für KI in der Medizin bei den Jüngeren und Skepsis bei Älteren. „Doch wenn KI sinnvoll eingesetzt wird und die Menschen ihre Vorteile erleben, weil sie zielgenauer an Termine und Therapien kommen, wird die Akzeptanz steigen.“ Siebenhüner sieht das ähnlich: „Viele Patientinnen und Patienten nutzen ja bereits KI-basierte Technologien wie Fitness-Tracker, Smartwatches mit Herzfrequenzanalyse oder digitale Diabetes-Tools.“ Auf diese Weise werde der Umgang mit KI immer selbstverständlicher. Der Arzt und Medizininformatiker ist überzeugt: „Die Bevölkerung ist bereit für KI in der Medizin, aber sie erwartet Transparenz, Sicherheit und menschliche Begleitung.“

Sensible Daten sind für Angreifer attraktiv

Hemmnisse seien vielmehr fehlende Interoperabilität, unklare Rechtslage, mangelhafte Anreize, fehlende Schulung und Lücken bei der IT-Sicherheit: „Arztpraxen verarbeiten hochsensible Daten, die für Angreifer attraktiv sind. Gleichzeitig haben viele Einrichtungen nur begrenzte IT-Ressourcen und Sicherheitsstrukturen“, erklärt Siebenhüner. Das Thema Datenschutz treibt auch Smetak um. Die größten Probleme sieht er derzeit aber bei der ePA, „weil da der Zugriff von verschiedenen Gesundheitsberufen und damit von vielen Personen möglich ist“. Die MEDI-eigenen Tools hingegen seien mit verschiedenen Authentifizierungssystemen deutlich besser abgesichert. „Alle Daten werden zudem auf deutschen Servern hinterlegt, da sind wir also sehr sicher unterwegs.“

Antje Thiel

Social Media

Folgen Sie uns auf unseren Plattformen.

Aktuelle MEDI-Times

MEDI-Newsletter

Mit dem kostenfreien MEDI-Newsletter informieren wir Sie regelmäßig über aktuelle Themen und die neuesten Angebote. Bleiben Sie mit uns auf dem Laufenden!

Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden.*

Auf Facebook kommentieren!

Über eine Million Facharztverträge – ein Meilenstein für die ambulante Versorgung

Die MEDI-Facharztverträge in Baden-Württemberg gehören mit inzwischen über einer Million eingeschriebenen Patientinnen und Patienten zu den stabilsten und erfolgreichsten Versorgungsmodellen im Land. MEDI-Arzt und Orthopäde sowie Unfallchirurg Dr. Burkhard Lembeck war von Beginn an dabei. Er erläutert, womit der Orthopädievertrag punktet, wie die Verzahnung mit der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) funktioniert und welche Weiterentwicklungen er sich für die Zukunft wünscht.

Notfallreform: Zusätzliche Leistungen müssen vergütet werden und dürfen ambulante Versorgung nicht gefährden

Notfallreform: Zusätzliche Leistungen müssen vergütet werden und dürfen ambulante Versorgung nicht gefährden

Der fachübergreifende Ärzteverband MEDI GENO Deutschland e. V. begrüßt die geplante Notfallreform, warnt aber zugleich vor erheblichem zusätzlichen Personalaufwand und einer gefährlichen Ressourcenverschiebung, die die reguläre ambulante Versorgung gefährden könnte. Der Verband fordert Zusatzvergütungen sowie Refinanzierungen für die vorgesehenen 24/7-Versorgungstrukturen sowie die Einbindung der niedergelassenen Ärzteschaft in die Reformvorhaben.