Überbordende Bürokratie ist für Praxen eine wachsende Belastung. Für MEDI-Vorstandsmitglied Dr. Anne Vitzthum ist klar: DMP-Dokumentation, die unzähligen Impfziffern, Bonushefte und viele Anfragen von Krankenkassen sind überflüssig.
Bürokratie kostet Dr. Anne Vitzthum, Allgemeinmedizinerin und Allergologin aus Weinstadt, täglich zwei bis drei Stunden, die ihr für die Patientenversorgung fehlen. Ein großes Ärgernis sind DMP mit Einschreibe- und Folgedokumentation. „Die GKV kürzt beim Fehlen dieser Dokumentation das Honorar. Es kommt zu Widersprüchen mit hohem Verwaltungsaufwand für Ärztinnen und Ärzte sowie KV-Verwaltung, überwiegend wegen Bagatellsummen“, kritisiert Vitzthum. Bürokratie beherrscht auch die Abrechnung: „Wir haben über 100 Impfziffern für die gleiche Leistung – einen Piekser!“ Auch die dysfunktionale Digitalisierung bindet Zeit. „Meine MFA fürchten jedes Update, weil sicher ist, dass die Tagesabläufe danach gestört sind“, berichtet die Ärztin. Zudem ärgert sie sich über Heilmittelvorgaben, Kassenanfragen und Lieferengpässe bei Medikamenten, die neue Rezepte erfordern sowie über Bonushefte mit Rückerstattung von etwa 100 Euro durch die „finanziell kranken Kassen!“.
Misstrauen gegenüber einem freien Beruf
Vitzthum lehnt Bürokratie nicht grundsätzlich ab. Ordentliche Dokumentationen seien Voraussetzung für Rechtssicherheit und nachvollziehbare Abrechnung. Hinter hohen Auflagen stecke aber vor allem ein Misstrauen von Politik und Kassen gegenüber einem freien Berufsstand. Regressangst und Bürokratiemonster schrecken jedoch den Nachwuchs ab. „Die hohen Auflagen nehmen jungen Kolleginnen und Kollegen den Mut, eine Praxis in Eigenverantwortung zu führen. Sie wollen Patienten versorgen – mit Zuwendung, guter Diagnostik und Therapie“, weiß Vitzthum. Ihre Vorschläge für den Bürokratieabbau: „Erstens: mehr Vertrauen in unsere Arbeit. Keine DMP-Dokumentation, Abschaffen von Bonusheften, nur noch eine Impfziffer.“ Es sei unnötig, dass Praxen bei kleinsten Therapieänderungen neue Verordnungen für Heilbehandlungen ausstellen müssen. Und sie möchte keine Kassenanfragen bei Arbeitsunfähigkeit beantworten: „Wenn eine Frau Brustkrebs hat, möchte ich nicht alle vier Wochen erklären müssen, was man tun könnte, damit sie schneller wieder arbeitsfähig wird. Das ist menschenunwürdig.“
Antje Thiel



