Honorarkürzungen für Psychotherapie gefährden psychische Versorgung und belasten das gesamte Gesundheitssystem

Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat gestern beschlossen, die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zum 1. April um 4,5 Prozent zu senken. Trotz Strukturzuschlägen ist laut Bundespsychotherapeutenkammer eine Honorarminderung von rund 2,8 Prozent zu erwarten. Die junge politische Vertretung Young MEDI des Ärzteverbands MEDI Baden-Württemberg e. V. warnt in ihrem Positionspapier vor einer Gefährdung freiberuflicher Versorgungsstrukturen und der psychischen Versorgung der Bevölkerung.

Gestern tagte der Erweiterte Bewertungsausschuss in Berlin zu den Vergütungen psychotherapeutischer Leistungen und beschloss eine Senkung des Honorars um 4,5 Prozent. Trotz Strukturzuschlägen in Höhe von 14,25 Prozent bedeutet diese Entscheidung für die niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die diese Zuschläge in vollem Umfang erhalten, nach Berechnungen der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) eine Honorarminderung von rund 2,8 Prozent.

„Das ist ein fatales Signal mit schweren Folgen für das gesamte Gesundheitswesen. Wir leben als Gesellschaft seit einigen Jahren in einer Art Dauerkrise. Der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung steigt seit Jahren signifikant. Viele Patientinnen und Patienten warten schon heute viele Monate auf einen Therapieplatz. Diese Entscheidung gefährdet die psychotherapeutischen Praxen, aber vor allem auch die psychische Versorgung der Bevölkerung“, kritisiert Claudia Bach, Sprecherin von Young MEDI und Inhaberin von drei psychotherapeutischen Praxen im Rhein-Neckar-Kreis.

Bach weist darauf hin, dass nicht alle Praxen von den Strukturzuschlägen profitieren, weil sie an bestimmte Leistungen gebunden sind. Zudem stellen laut Young MEDI Strukturzuschläge keine verlässliche Grundlage für die wirtschaftliche Planung dar.

Young MEDI warnt davor, mit der Schwächung der Psychotherapie weitere Fachgruppen zu belasten. Laut Ärzteverband ist die ambulante psychotherapeutische Versorgung ein zentraler Bestandteil des Gesundheitssystems. Sie entlaste Hausarztpraxen, Facharztpraxen und stationäre Strukturen, verhindere Chronifizierung, Klinikaufenthalte sowie langfristige Arbeitsunfähigkeit. „Eine funktionierende ambulante Psychotherapie ist nicht nur ein Anliegen von uns Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, sondern eine zentrale Voraussetzung für eine stabile Versorgung im gesamten Gesundheitssystem“, so Bach.

Dr. Stefan Reschke ist Hausarzt und der zweite Sprecher von Young MEDI. Für ihn hat die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses direkte Folgen für seine tägliche Praxis: „In der aktuellen Lage über Kürzungen im Bereich der Psychotherapie nachzudenken – und diese auch noch zu beschließen – macht mich als Hausarzt fassungslos. Wir wissen seit Jahren, dass es zu wenige Therapieplätze gibt. Wir wissen, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Wir wissen, dass unbehandelte Depressionen, Angststörungen und Traumafolgen zu Arbeitsausfall, Chronifizierung und körperlichen Folgeerkrankungen führen.“

Für Reschke sind die Folgen klar. „Noch weniger Therapieangebote, bedeuten, längere Wartezeiten und mehr Selbstzahler-Leistungen. Und: Mehr Medikamente und Verlagerung in teure digitale Anwendungen. All das führt am Ende zu höheren Gesundheitskosten und einer schlechteren Versorgung.“

Das Positionspapier zur Entscheidung des Bewertungsausschusses zur Absenkung der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen finden Sie hier.

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