Wenn die äußeren Umstände belasten, sind Empathie, Loyalität und klare Führung gefragt – nicht nur im Umgang mit Patientinnen und Patienten, sondern auch im Team. Zwei MEDI-Mitglieder erklären, wie Motivation im Team gelingen kann, auch wenn die Stimmung im Keller ist.
In Zeiten politischer Unsicherheit, wachsender Bürokratie und steigender Arbeitsbelastung fällt es nicht leicht, motiviert zu bleiben – weder Praxisinhaberinnen und -inhabern noch ihren Teams. Dr. Michael Ruland, stellvertretender MEDI-Vorsitzender und Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Psychotherapeut aus Möglingen, hat viele solcher Phasen erlebt. Nach über 30 Jahren Praxistätigkeit arbeitet er derzeit halbtags in einer hausärztlichen Praxis. Er ist überzeugt: „Die unfairen Rahmenbedingungen im niedergelassenen Bereich sind eine massive Belastung für die Beziehungsfähigkeit der Behandlerinnen und Behandler.“ Vertrauensvolle Beziehungen aber sind elementar für die Motivation von Teams. Und „Motivation ist das Rückgrat jeder Praxis“, weiß auch Claudia Bach, Sprecherin von Young MEDI und psychologische Psychotherapeutin, die seit 2018 niedergelassen ist und mittlerweile drei Praxisstandorte in Schriesheim, Weinheim und Ilvesheim führt. „Wenn Menschen Freude an ihrer Arbeit haben, gehen sie proaktiv auf Probleme zu und übernehmen Verantwortung für ihre Tätigkeit.“ Als weiteren Aspekt nennt Bach die eigene Haltung zur Arbeit: „Ich bin selbst extrem begeistert von meiner Arbeit, und das wirkt ansteckend auf andere.“
Freude bei der Arbeit fördert Therapieerfolg
Motivation entstehe nicht durch Kontrolle, sondern durch Beteiligung, Wertschätzung und Vertrauen. Ihre Aufgabe als Chefin sieht Bach deshalb auch darin, Veränderungen im Praxisalltag sorgfältig vorzubereiten, Hintergründe zu erklären und das Team aktiv in die Entwicklung neuer Angebote – etwa Gruppenbehandlungen – einzubinden. „Das ist ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Wissen und der Erfahrung meiner Mitarbeitenden“, so Bach. Außerdem sei die Therapie oft schneller von Erfolg
gekrönt, wenn das Team mit Freude arbeitet. Ihr Kollege Ruland sieht gute Kommunikation als Basis für eine solche Teammotivation. Sie gelingt zum einen mit emotionaler Intelligenz – also der Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen zu steuern. Für ebenso wichtig hält er Loyalität: „Es gibt immer mal Patienten, die sich über Mitarbeitende beschweren. Aber es ist eine Todsünde, so etwas in Anwesenheit des Patienten zu bewerten.“ Er ergänzt: „Lob immer öffentlich, Kritik bitte persönlich. Loyalität ist nicht verhandelbar.“
Konflikte als Lernfelder begreifen
Ebenfalls unverzichtbar sind regelmäßige, klar strukturierte Teambesprechungen: mit Tagesordnung, begrenzter Dauer, Protokoll und wechselnder Leitung. „Wer selbst einmal eine Sitzung moderiert hat, verhält sich danach in Diskussionen kooperativer“, sagt Ruland. Auch klare Vereinbarungen zu Routineaufgaben stärken das Gefühl gemeinsamer Verantwortung: „Wenn die Abläufe funktionieren und von allen mitgetragen werden, meistert das Team auch stressige Tage ohne Konflikte.“ Ruland rät davon ab, in Konfliktsituationen darauf zu hoffen, dass sich alles von selbst wieder einrenkt. „Alle Beteiligten haben Interessen, aber nicht alle formulieren sie“, weiß Ruland. Hinter den meisten Konflikten steckt eine Zweierkonstellation: entweder zwei Einzelpersonen oder zwei Lager mit unterschiedlichen Positionen. Wer sich in ein solches Minenfeld begibt, sollte zwischen Beschreibung und Bewertung unterscheiden können – und bereit sein, Konflikte als Lernfelder zu begreifen. Dabei könne bei Bedarf auch eine externe Supervision helfen, etwa durch eine Balintgruppe, meint Ruland. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Die meisten Menschen sind mit ein bisschen Anleitung zu ganz ordentlicher Selbstreflexion fähig, wenn auch unter Schmerzen.“
Antje Thiel

