Psychotherapie: „Der Versorgungsbedarf wird immer größer“

Claudia Bach ist psychologische Psychotherapeutin und hat zwei Praxen in Schriesheim und Weinheim im Rhein-Neckar-Kreis mit einem großen Team von zehn angestellten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie drei Assistentinnen und einer Sekretärin für das Praxis- und Qualitätsmanagement. Seit drei Jahren engagiert sich die 37-Jährige bei Young MEDI, denn Herausforderungen für die psychotherapeutische Versorgung gibt es genug. Im MEDI-Interview erzählt Bach von der großen Unsicherheit mit der Finanzierung der Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin und zum Fachpsychotherapeuten, vom wachsenden Versorgungsumfang und von der zunehmenden Bürokratie.

MEDI: Seit wann sind Sie bei MEDI?

Bach: Seit ich niedergelassen bin, also seit 2018. Seit rund drei Jahren engagiere ich mich für das Nachwuchsprogramm Young MEDI. Berufspolitisch bin ich auch in der Delegiertenversammlung von MEDI Baden-Württemberg, in der KVBW, in der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg sowie in der Bundespsychotherapeutenkammer aktiv.

MEDI: Wie sind Sie auf MEDI aufmerksam geworden?

Bach: Ich bin über die sogenannte Freie Liste auf MEDI gestoßen. Dann habe ich über MEDI im Netz recherchiert und gesehen, dass MEDI ähnliche Ziele verfolgt wie ich. Mein Kollege Rolf Wachendorf aus dem MEDI-Vorstand hat mich zur Jahrestagung von MEDI mitgenommen. Dort hat es mir sehr gut gefallen. Die Menschen bei MEDI sind Macher, das gefällt mir. Sie möchten die politischen Themen mitgestalten und verändern und tun aktiv etwas dafür. Auch das fachübergreifende Arbeiten finde ich wichtig. Zusammen sind wir stärker.

MEDI: Was möchten Sie bewirken?

Bach: Ich möchte nicht nur meckern und warten bis sich etwas tut, sondern mich aktiv in die Berufspolitik einbringen, um die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern und die Zukunft unseres Berufs mit Lösungsansätzen mitzugestalten. Ich liebe meinen Beruf und mag Herausforderungen. Ich habe bereits seit meiner Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin gemerkt, dass einiges im System nicht rund läuft.

MEDI: Was sind das aktuell für drängende Fragen für psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten?

Bach: Es gibt zurzeit viele Veränderungen. Eine große Frage, die uns psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten sehr beschäftigt, ist die Frage nach der Finanzierung der Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten. Das hat die Politik immer noch nicht geregelt, obwohl die Reform zur Weiterbildung bereits 2019 stattfand. Dadurch ist die Zukunft der jungen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unsicher und die psychotherapeutische Versorgung immens gefährdet. Es gibt immer noch keine Regelung, wie und wer diese Weiterbildung finanziert. Laut KVBW-Zahlen von Juli 2023 gibt es 1.720 niedergelassene Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen, die sich in der Altersstufe zwischen 60 und 97 Jahren bewegen. Wenn die Politiker nicht schnell die Finanzierung klären, dann werden nicht nur die jungen Psychotherapeuten keine Weiterbildungsstellen finden, sondern dadurch wird auch eine große Lücke in der psychotherapeutischen ambulanten Versorgung entstehen.

MEDI: Was bedeutet das konkret?

Bach: Die jungen Menschen sind total verunsichert, weil sie nicht wissen, ob ihnen nach dem Studium die Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten aufgrund der wenigen Plätze angeboten wird. Früher fand Teil dieser Weiterbildung in den Kliniken statt. Die Arbeit wurde nicht oder im besten Fall mit einem Praktikantengehalt vergütet. Jetzt gibt es ein Studium für Psychotherapie mit einem Bachelor- und Masterabschluss und im Anschluss eine Weiterbildung für verschiedene Fachkunden – wie beispielsweise die Verhaltenstherapie. Dabei können sich jetzt auch Praxen als Weiterbildungsstätten akkreditieren lassen. Der Arbeitgeber ist aber verpflichtet, den approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ein festes Gehalt zu bezahlen – angelehnt an TVL 13. Aber es ist, wie gesagt, nicht geregelt, wo das Geld herkommen soll. Ich möchte meine Praxis auch als Weiterbildungsstätte akkreditieren lassen. Solang aber die Finanzierung nicht geklärt ist, kann ich auch keine Weiterbildungsstellen anbieten. Durch diese Verunsicherung wird es jetzt wesentlich weniger Plätze für die Weiterbildung geben und somit am Ende auch weniger ausgebildete Fachpsychotherapeuten. Dadurch könnte eine große Lücke entstehen, die sich auch auf die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung auswirken wird. Bald beenden die ersten jungen Kolleginnen und Kollegen ihr Studium und wissen nicht, wie es weitergeht.

MEDI: Was fordern Sie von der Politik?

Bach: Eine schnelle und sinnvolle Regelung und Klärung, wer die Weiterbildung finanziell trägt. Ein weiteres drängendes Thema ist die psychotherapeutische Versorgung auf dem Land. Vor allem für Kinder und Jugendliche gibt es viel zu wenig Angebote. In meiner Praxis versorgen wir Erwachsene bis in den Odenwald. Wir brauchen auch weitere Versorgungsstrukturen und flexiblere Möglichkeiten für die Anstellung von Kolleginnen und Kollegen, wenn wir mehr Therapieplätze anbieten sollen. Dann benötigen wir auch mehr Personal in den gut etablierten und vernetzten Praxen. Die Zahlen der KV zum Versorgungsstatus sind nicht mehr aktuell und entsprechen nicht der Realität. Als große, gut etablierte und vernetzte Praxis versorgen wir mehrere hundert Patientinnen und Patienten wöchentlich. Dabei haben wir trotzdem Wartezeiten auf einen Therapieplatz für Einzeltherapie. Wir bieten inzwischen deutlich mehr Gruppentherapien an, um dabei die ambulante psychotherapeutische Versorgung zu verbessern. Wir bekommen viele Anfragen von Patientinnen und Patienten jeden Tag. Manche wohnen sogar 60 oder 70 Kilometer entfernt. Da ist ein riesiger Versorgungsbedarf und der Umfang wird immer größer. Es gibt viele Punkte, die angepasst werden müssen. Außerdem kämpfen wir mit zunehmender Bürokratie, sodass uns die wertvolle Zeit für die Behandlung fehlt.

MEDI: Was sind das für bürokratische Aufgaben bei den Psychotherapeutinnen und -therapeuten?

Bach: Selbständige Psychotherapeuten mit einem vollen Versorgungsauftrag können eine Arbeitswoche von rund 60 Stunden haben. Wir sind intensiv mit Anfragen von Krankenkassen, Rentenversicherungen oder Gerichten beschäftigt. Ein anderes Beispiel ist die Erstellung von Gutachterberichten, die wir regelmäßig für die Verlängerung einer Kurzzeittherapie in eine Langzeittherapie benötigen. Dafür erhalten wir pauschal zwischen 50 und 70 Euro, sind aber damit oft einige Stunden beschäftigt. Das EBM-System ist mit den unterschiedlichsten Ziffern für die Abrechnung so komplex – auch dadurch verlieren wir Behandlungszeit. Die Selektivverträge von MEDI sind da eine echte Entlastung.

MEDI: Sind das alles Gründe, warum sich immer weniger Ihrer Kolleginnen und Kollegen niederlassen wollen?

Bach: Ja, die finanzielle Unsicherheit, die steigende Bürokratie und auch die verordnete Technik, die oft nicht funktioniert, machen den jungen Kolleginnen und Kollegen eine nachvollziehbare Angst. Die Kosten für eine Selbstständigkeit werden immer höher, die IT-Themen werden immer komplexer – das schreckt ab. Es gibt auch keine Planungssicherheit mehr durch Kürzungen von KV-Honorierungen oder dem zunehmenden Risiko von Regressen. Außerdem bedeuten jeder Urlaub, jede Krankheit oder Elternzeit einen Verdienstausfall. Die Psychotherapeutinnen und -therapeuten möchten sich vor allem, um ihre Patientinnen und Patienten kümmern und gleichzeitig auf ihre Work-Life-Balance achten. Da findet auch ein gesellschaftlicher Wandel statt. Wir haben rund 90 Prozent Frauen unter den Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Beruf und Familie lassen sich mit einer Anstellung einfach besser vereinbaren. Wir Psychotherapeutinnen und -therapeuten haben Fortbildungspflicht und müssen auch unsere Fortbildungen oder die Supervisionen zur Qualitätssicherung zahlen. Diese Kosten werden in der Regel für Angestellte von den Arbeitgebern in den Praxen übernommen. Interessant ist bei psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten auch, dass die psychotherapeutischen Behandlungen von Privatpatienten nach der GOP deutlich schlechter bezahlt werden als die von Kassenpatienten. Die Gebührenordnungen GOÄ und GOP sind völlig veraltet.

MEDI: Wie muss eine gute psychotherapeutische Versorgung aus Ihrer Sicht aussehen?

Bach: Wir brauchen eine stärkere Vernetzung zwischen Ärzten, Psychotherapeuten, Psychiatern und Kliniken und eine bessere Patientensteuerung. Wir brauchen auch noch mehr Aufklärung bei den Hausärzten. Die Hausärzte sind oft die erste Anlaufstelle von Patientinnen und Patienten. In manchen Fällen sind Medikamente notwendig und hilfreich, in anderen Fällen ist die langfristige Gabe von bestimmten Medikamenten kontraproduktiv – das fordert von uns dann noch mehr Kapazitäten ein. Die Möglichkeiten der Gruppentherapie sollten viel stärker gefördert werden. Darüber können wir viel mehr Patientinnen und Patienten auf einmal behandeln und die wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, dass Gruppentherapie sehr wirksam ist. Manche Patientinnen und Patienten können sogar auf eine Einzeltherapie verzichten. In einigen Fällen führen Gruppentherapien sogar zu kürzeren Behandlungszeiten. Wir bieten aktuell in meiner Praxis zwölf Gruppentherapien für bis zu sieben Personen pro Gruppe an. Die Sitzungen dauern 100 Minuten und zahlen sich innerhalb der Selektivverträge für uns auch finanziell aus.

 

Tanja Reiners

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