Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg: Über 4.000 vermiedene Frakturen durch weniger sturzgefährdende Medikamente

Eine Ende Mai im Journal Age and Ageing veröffentlichte Studie belegt, dass bei Teilnehmern an der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) ab einem Alter von 65 Jahren 4.160 sturzbedingte Frakturen weniger auftraten – unter anderem Oberschenkel- oder Beckenfrakturen. Verglichen wurden Versicherte, die Verordnungen sturzgefährdender Medikamente wie etwa Opioide erhielten. In der HZV-Gruppe waren das 24,8 Prozent der Teilnehmer (104.788), in der Vergleichsgruppe der Regelversorgung 25,5 Prozent (54.005). Die geringere Anzahl sturzbedingter Frakturen in der HZV-Gruppe ist laut der Autoren maßgeblich auf die geringere Anzahl an Verordnungen sturzgefährdender Medikamente zurückzuführen. Im Untersuchungsjahr 2020 waren es in der HZV-Gruppe hochgerechnet rund 13.500 Verordnungen weniger.

Durchgeführt wurde die Studie von Wissenschaftlern der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg. Deren Hypothese wurde bestätigt: Die Forscher erwarteten, dass in der HZV-Gruppe weniger Verordnungen sturzgefährdender Medikamente auftreten, weil die verpflichtende Durchführung von Pharmakotherapie-Qualitäts-zirkeln zentraler Bestandteil der HZV ist. Sie finden viermal pro Jahr unter Leitung geschulter Moderatoren statt und tragen maßgeblich zu einer signifikant besseren Arzneimittelversorgung bei. Das Thema sturzgefährdende Medikamente wurde zuvor in den Qualitätszirkeln behandelt. Wie relevant sturzgefährdende Medikamente sind, belegt auch eine große, 2021 veröffentlichte US-amerikanische Studie. Danach erhielten 94 Prozent der US-Amerikaner über 65 Arzneimittel, die die Sturzgefahr erhöhen. 20 Jahre zuvor waren es nur 57 Prozent, und die Häufigkeit sturz-bedingter Todesfälle hatte sich mehr als verdoppelt.

Die Methodik der Heidelberger Studie basiert auf dem Qualitätsindikatorensystem für die ambulante Versorgung (QISA) des aQua-Instituts. Entwickelt wurde dort der Qualitätsindikator ‚Prozentsatz von Patienten ab 65 Jahren, die sturzgefährdende Medikamente erhalten‘. Dazu zählten in der Studie Opioide, Trizyklische Antidepressiva, Antipsychotika, Hypnotika und Sedativa. Kaum verzichtbare Arzneimittel wie zum Beispiel orale Antidiabetika oder Anti-hypertensiva wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Professor Dr. Gunter Laux, federführender Wissenschaftler, erläutert zur Studie: „Bemerkenswert ist zunächst, dass erstmalig Stürze und Frakturen im Zusammenhang mit der pharmakotherapeutischen Versorgung von Hausärzten in einer speziellen Versorgungsform wissenschaftlich untersucht wurden. Und die Ergebnisse belegen eindeutig, dass die Patienten in der Regelversorgung ein höheres Sturzrisiko hatten.“ Sturzgefährdende Medikamente spielten dabei offensichtlich eine wichtige Rolle. In der HZV-Gruppe sei deren Anzahl signifikant niedriger und in der Regelversorgung zudem die Dosierung auch noch höher. „Hätten wir die kaum verzichtbaren Arzneimittel ebenfalls einbezogen, wie etwa in der erwähnten amerikanischen Studie, dann wäre die Anzahl vermiedener Frakturen in der HZV-Gruppe sogar noch deutlich höher ausgefallen“, stellt Laux fest.

Die Umsetzung der im Paragraf 73b SGB V vorgeschriebenen Teilnahme an strukturierten Qualitätszirkeln zur Arzneimitteltherapie zeigt im AOK-HZV-Vertrag Wirkung. Das Ziel ist es, die hausärztliche Versorgungsqualität durch die enge Orientierung an aktuellen evidenzbasierten Leitlinien kontinuierlich zu verbessern. Hierzu betont Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg: „Die Ergebnisse der aktuellen Studie sind bemerkenswert, aber nicht gänzlich überraschend. Denn unsere systematischen Fortbildungen in landesweit über 350 daten- und feedbackgestützten Qualitätszirkeln legen seit Jahren großen Wert auf den Aspekt der Patientensicherheit, die durch eine adäquate medikamentöse Therapie gefördert wird.“

Die Autoren verweisen außerdem darauf, dass eine höhere Leitlinienorientierung in der HZV bereits durch andere Studien zur Pharmakotherapie belegt wurden. Dazu zählen beispielhaft die durchschnittlich höheren Verschreibungsraten von Präparaten, die qualitativ besser oder gleich-wertig und oft auch wirtschaftlicher sind. Auch die Verordnungsquote in punkto Polymedikation ist dauerhaft niedriger als in der Regelversorgung. Der gezieltere Einsatz von Arzneimitteln wird zusätzlich durch ein Modul in der HZV-Vertragssoftware unterstützt, durch das Vorschläge für eine rationale Pharmakotherapie unterbreitet werden. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Johannes Bauernfeind, resümiert: „Die Kombination von Pharmakotherapie-Qualitätszirkeln und Arzneimittelmodul, bei dem auch unsere Facharztverträge eingebunden sind, leistet den wesentlichen Beitrag dazu, dass die medikamentöse Behandlung in der HZV sowohl medizinisch angemessener als auch wirtschaftlicher ist.“

 

Quellen:

 

 

 

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