„Ich fühle mich von der Politik verraten und verkauft“

Die Heidelberger Gynäkologin Dr. Christiane von Holst ist Mitglied in der Vertreterversammlung der Bezirksärztekammer Nordbaden – und kandidiert auch bei der aktuellen Wahl. Sie liebt ihren Beruf. Damit das so bleibt, müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen passen.

MEDI: Sie sind ja schon jahrelang berufspolitisch engagiert. Was motiviert Sie?

von Holst: Grundsätzlich finde ich, dass man sprechen muss, wenn man eine Stimme hat – das ist mein Motiv. Ich kann die Rahmenbedingungen, in denen ich arbeite, nur ändern, wenn ich sie mitgestalten und aktiv Probleme sowie Lösungsansätze ansprechen kann.

MEDI: Welche Themen brennen Ihnen aktuell unter den Nägeln?

von Holst: Unglaublich finde ich das Streichen der Neupatientenregelung. Da sind wir Ärztinnen und Ärzte ja grob getäuscht worden. Uns wurde ein höheres Arbeitskontingent aufgedrückt, von 20 auf 25 Stunden nämlich. Die zusätzliche Leistung wurde extrabudgetär bezahlt – also ohne die sonst üblichen Kürzungen. Geschenke haben wir nicht bekommen. Dieses Geld soll jetzt einfach sang- und klanglos gestrichen werden bei unveränderter Anforderung von 25 Stunden pro Woche. Das ist ein Schlag ins Gesicht. Und das mitten in der Pandemie! Unsere Kosten sind nicht nur durch die notwendigen Hygienemaßnahmen enorm gestiegen. Das Geld fehlt einfach. Das ist ein echter Skandal! Wobei ich ganz deutlich sagen muss, dass die Patienten die Leidtragenden der Aktion sind.

MEDI: Warum?

von Holst: Die extrabudgetäre Vergütung war eine notwendige Voraussetzung dafür, zusätzliche Termine anzubieten. Mehr Leistung bedeutet längere Sprechstunden, also entstehen höhere Personalkosten. Jetzt wird das Geld gestrichen, also können Leistungen nicht mehr erbracht werden, so dass Patientinnen und Patienten wieder länger auf einen Termin warten müssen. Eine sehr ungute Entscheidung der Politik.

MEDI: Und wie gefällt Ihnen das Angebot einer Nullrunde der Krankenkassen?

von Holst: Noch so ein unglaubliches Unding! Das ist unterm Strich ein Verlust von 20 Prozent Umsatz für uns. Und das bei dem aktuellen Fachkräftemangel. Auch die MFA brauchen mehr Geld. Wenn wir sie nicht angemessen bezahlen können, verlassen sie uns. Der Gaspreis meiner Praxis wurde gerade um den Faktor zweieinhalb erhöht und dann gibt es auch noch die Inflation. In so einer Situation seitens der Krankenkassen eine Nullrunde vorzuschlagen, ist wirklich skandalös, finde ich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Krankenkassen die Verwaltungsgebühren wegen der Inflation bereits um 10 Prozent erhöht haben. Es geht ja gar nicht darum, dass wir uns goldene Wasserhähne kaufen wollen. Aber am Ende des Tages muss ich so viel Geld eingenommen haben, dass die Kosten gedeckt sind. Ich denke auch, es ist genug Geld im System, es muss nur anders verteilt werden. Aber das haben mittlerweile viele erkannt und der Zusammenhalt zwischen den Ärztinnen und Ärzten aller Fachrichtungen ist erstaunlich gut. Da muss man sich wirklich fragen, ob unser Gesundheitsminister auf beiden Ohren taub ist.

MEDI: Sie lassen nicht viele gute Haare an der Politik.

von Holst: Wie auch? Ich fühle mich verraten und verkauft. Man studiert Medizin nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Überzeugung. Wir wollen Menschen helfen! Aber aktuell werden uns zu viele Steine in den Weg geworfen. Und irgendwann ist dann auch bei uns Schicht im Schacht. Wie ernst es ist, merkt man an den aktuellen Protesten, die stattfinden, obwohl wir andere Probleme haben. Es tut mir persönlich aber auch gut, wenn ich nicht alleine empört meinen Tee trinke, sondern beobachte, wie kampfeslustig die gesamten Kolleginnen und Kollegen sind. Ich bin stolz auf die, die zum Beispiel ihre Praxen stundenweise schließen und uns in der Kammer oder auch im MEDI Verbund unterstützen. Klagen, ohne zu handeln, das geht nicht. Und glauben Sie mir, die Politik hört uns sehr wohl.

Ruth Auschra

 

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