„Kammer muss uns als Fels in der Brandung den Rücken stärken“

Dr. Cathérine Hetzer-Baumann gehört mit 40 Jahren zu den jungen Niedergelassenen und engagiert sich berufspolitisch als Sprecherin bei Young MEDI. Die Allgemeinmedizinerin aus Altenriet im Landkreis Esslingen stellt sich für die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg zur Wahl. Sie wünscht sich für die Ärzteschaft mehr Wertschätzung und eine Ärztekammer, die schneller agiert und sich politisch mehr einmischt.

MEDI: Aktuell gibt es bundesweit massive Proteste in der Ärzteschaft gegen die Gesundheitspolitik. Haben Sie mit protestiert?

Hetzer-Baumann: Selbstverständlich habe ich mit protestiert. Wir können nur etwas erreichen, wenn wir alle mitmachen, zusammenhalten und gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir haben alle Termine für den Tag abgesagt und den Patientinnen und Patienten erklärt, warum wir protestieren. Sie zeigten durchaus viel Verständnis. Vielen von ihnen ist die Situation von uns Ärztinnen und Ärzten gar nicht bewusst. Es ist wichtig, dass wir ihnen erklären, worauf die politischen Entscheidungen hinauslaufen. Die Leidtragenden sind am Ende ja vor allem auch sie.

MEDI: Was regt Sie aktuell am meisten auf?

Hetzer-Baumann: Es wird von der Bevölkerung und von der Politik zu wenig gesehen, wie es wirklich um die Zukunft der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten steht – vor allem im ambulanten Bereich. Das wird von der Politik einfach ignoriert und sogar sanktioniert, wie man beispielsweise an der fehlenden Anpassung oder Erneuerung der GOÄ oder an der Abschaffung der Neupatientenregelung schön sehen kann. Der niedergelassene Kardiologe oder Hausarzt als wichtige Vertrauensperson, der seine Patientinnen und Patienten am besten kennt, soll künftig wegfallen. Dafür wird es unter anderem anonyme Massenversorgungssysteme in Form von investorengetragenen MVZ und sogar Staatsmedizin geben, die die Versorgung deutlich verschlechtern werden.

MEDI: Sie kandidieren für die Ärztekammerwahl. Was sind die drängenden Themen für Sie?

Hetzer-Baumann: Da gibt es einiges, wie beispielsweise den Erhalt der Freiberuflichkeit, die bessere Vernetzung zwischen Ärztekammer und KV oder die Vereinfachung und praktikable Umsetzung der Weiterbildungsordnung und Weiterbildungsermächtigung. Gerade Letzteres ist enorm wichtig. Wir benötigen mehr praxisbegeisterte Ärztinnen und Ärzte. Die Digitalisierung ist durch die Pandemie deutlich vorangekommen. Nichtsdestotrotz machen wir uns selbst oft das Leben noch unnötig schwer und so sind die bürokratischen Hürden, beispielsweise wenn man selber eine Ärztin oder einen Arzt ausbilden will, immer noch viel zu groß. Wir müssen im Rahmen der Selbstverwaltung pragmatische, praktikable und vor allem digitale Lösungen finden. Die Kammer hat da in den vergangenen Jahren bereits eine gute Richtung eingeschlagen. Nun gilt es, sie hier zu unterstützen und den Weg gemeinsam weiter voranzutreiben und Tempo reinzubringen. Das betrifft übrigens auch die Niederlassung für junge Kolleginnen und Kollegen. Da sollten wir die richtigen Signale an den Nachwuchs senden und dringend weitere, unnötige Hürden für die Selbstständigkeit aus dem Weg räumen.

MEDI: Was sollte die Kammer als Selbstverwaltung aus Ihrer Sicht noch bewegen?

Hetzer-Baumann: Das Image der Ärztinnen und Ärzte hat in den vergangenen Jahren enorm gelitten. Wir haben früher wesentlich mehr Wertschätzung erfahren und hatten eine ganze andere Gewichtung in der Politik. Die Kammer muss hier weiterhin Imagearbeit leisten, sich in politische Debatten noch stärker einmischen und uns als Fels in der Brandung den Rücken stärken.

MEDI: Was möchten Sie gerne konkret angehen, wofür sollen Sie die Kolleginnen und Kollegen wählen?

Hetzer-Baumann: Als junge niedergelassene Ärztin möchte ich vor allem mehr frischen Wind reinbringen, ein bisschen durchlüften. Das Arbeiten ist heute viel schneller geworden, das müssen wir auch in den Gremien hinbekommen. Wir müssen gemeinsam das Tempo für konstruktive Umsetzungen und Entscheidungen erhöhen. Dazu gehört natürlich auch eine sinnvolle und praxistaugliche Digitalisierung.

MEDI: Was hat Sie als junge Ärztin zur Freiberuflichkeit bewegt – trotz der aktuellen Bedingungen?

Hetzer-Baumann: Ich war vorgeprägt durch meinen Vater, der auch Hausarzt ist. (lacht) Die besondere Patientenbeziehung, die Kenntnis und das Begleiten der Patientenfamilien über Generationen, die Arbeit im Team, aber auch die bei der Selbstständigkeit notwendige Polyprofessionalität – all das ließ in mir den Willen für die freiberufliche Tätigkeit wachsen. Ich wollte selbstbestimmt arbeiten, meine eigene Chefin sein und anderen familienfreundliche Arbeitsplätze anbieten und mit dem Team gemeinsam gestalten. Der Beruf der Hausärztin ist für mich immer noch ein sehr attraktiver Beruf, in dem ich mich am besten verwirklichen kann.

MEDI: Was benötigen junge Ärztinnen und Ärzte, damit sie diesen Schritt auch gehen?

Hetzer-Baumann: Auf jeden Fall verbesserte Rahmenbedingungen und eine verlässliche, langfristige Zukunftsperspektive inklusive einer leistungswertschätzenden Gebührenordnung auf der Höhe der Zeit. Es ist auch ganz wichtig, dass es intensive Einblicke in die Niederlassung während der Ausbildung gibt. Nur wenn junge Ärztinnen und Ärzte sehen können, wie schön es ist freiberuflich zu arbeiten, können sie sich dafür auch entscheiden. Mit unserer Arbeit in Praxen und Kliniken und unserem berufspolitischen Engagement sollten wir gemeinsam alles dafür tun, das Ansehen in der Öffentlichkeit und die Wertschätzung unseres Berufsstandes wieder zu verbessern.

Tanja Reiners

 

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Daniela-Ursula Ibach ist Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin. Sie ist für die Finanzen im Vorstand der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg zuständig. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich die Ärztin für MEDI und tritt für den Verbund auch dieses Jahr für eine weitere Amtsperiode an.Welche Themen beschäftigen sie aktuell? Und warum will sie sich für die Ärzteschaft und die junge Generation engagieren. Im Podcast mit MEDI gibt sie spannende Antworten.