Eine gute Zeit

Er übernahm die KV zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt und hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist: Nach zwölf Jahren im Amt stellt sich KVBW-Vorstandschef Dr. Norbert Metke nicht mehr zur Wahl. Wir haben mit ihm über seine Zeit im Amt, seine größten Erfolge und das, was er nach Ende seiner Amtszeit machen wird, gesprochen.

MEDI: Bei den KV-Wahlen in diesem Jahr treten Sie nach zwei Amtsperioden nicht mehr als Vorstand der KVBW an. Was machen Sie dann ab nächstem Jahr?

Metke: Nach zwölf Jahren ist es gut, wenn andere, und vor allen Dingen die Jüngeren das Heft vermehrt in die Hand nehmen und die Richtung der Ärzteschaft wesentlich mitbestimmen. Die Rahmenbedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, sind schwierig: zunehmender Arztzeitmangel, Frust über eine nicht funktionierende Digitalisierung – die wir als funktionierendes und bezahlbares System alle wollen und brauchen –, kontinuierliche Sanktionen gegen Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten – trotz unserer Glanzleistungen für die Gesellschaft –, die Doppelbelastung Familie und Beruf, Teilzeitarbeit, angestellte Tätigkeit, die Ausdehnung ärztlicher Tätigkeit, Bevormundung durch investorengetragene MVZ und vieles mehr. Diese Herausforderungen gilt es zu meistern. Dabei stehen weiterhin die Erfahrenen, also diejenigen, die die Chancen und Gefahren der Niederlassung gut kennen, an der Seite der neuen KV-Führung. Sozusagen ein Generationenpolitmix.
Was ich sagen will: Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit soll, wie unter meiner Verantwortung, die Lösung der Probleme und Zumutungen, die von außen auf uns zukommen, sein und nicht Verteilungsprobleme und sonstige Schwierigkeiten untereinander. Mangel lässt sich nicht durch Verteilung des Mangels beheben, sondern durch neue Mittel. Das ist und war die Botschaft des Erfolges der vergangenen zwölf Jahre.
Es war eine gute Zeit, auf die ich gerne zurückblicke. Ich war sehr gerne KV-Vorsitzender, aber jetzt ist es gut. Ich glaube, mein Garten und meine Familie freuen sich darauf, dass ich mehr Zeit für sie habe. Aber auch für mich. Ab einem gewissen Alter ist es hilfreich, auch über den Sinn des Lebens – mit nur wenigen Jahrzehnten Zwischenstation auf dieser Erde – zu lesen und zu denken. Von den Theorien eine Camus`schen Absurdität bis zur Hoffnung der Inhalte einer Bergpredigt. Auch das wird der Inhalt meiner neuen Lebensphase sein.

MEDI: Wenn Sie einmal auf den Beginn Ihrer politischen Tätigkeit und insbesondere auf Ihre Zwölfjährige Amtsperiode zurückblicken, was ist für Sie das Wesentliche und wie sehen Sie die Situation von damals?

Metke: Zentraler Wendepunkt der Vertretung zu Recht völlig frustrierter Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Land war die in den Jahren 2010 und 2011 eingetretene Situation einer starken, gewerkschaftsähnlichen Vertretung durch viele mächtige, neu aufgestellte Berufsverbände. Und dann, unter meiner Moderation, ein weitgehend geschlossenes Auftreten aller gemeinsam, mit klaren Zukunftsoptionen der Arbeitsinhalte einer unabhängigen, selbstentscheidenden ärztlichen bzw. therapeutischen Tätigkeit.
Die KVBW war bei meinem Amtsantritt 2011 in einer wirklich schwierigen, ja schlimmer noch, in einer handlungsunfähigen Situation. Die Ärzteschaft im Land war gespalten, horrende Honorarverluste fanden zuvor in vielen Fachgruppen statt: existenzgefährdend mit dem Versuch, Mangel durch die Verteilung des Mangels zu beseitigen. Die KV hatte die Fusion 2005 noch lange nicht überwunden. Das gesamte KV-System stand infrage. Neue Ideen, wie die Einführung von Selektivverträgen in Form einer gesteuerten Versorgung, kamen auf und wurden in das bestehende GKV-System integriert. Vergessen wir nicht, dass jetzt der Gesetzgeber in Form der psychotherapeutisch-psychiatrischen Komplexbehandlung gesteuerte Systeme erstmals ins Kollektivsystem einführt.
Das Ausmaß der Budgetierung bei meinem Amtsantritt im Jahre 2011 zusammen mit den eingetretenen Honorarverlusten hatte damals zu Ratlosigkeit, Frustration und fehlender Zukunftsperspektive geführt – bei andauernden Streitereien untereinander statt der berühmten Spieße nach außen. Ich glaube, dass man rückblickend sagen kann: Die KV war damals in einer schlimmen Verfassung und ihre Mitglieder erst recht!

MEDI: Und heute? Was würden Sie als Ihren größten Erfolg ansehen?

Metke: Geschlossener starker Zweier-Vorstand, klare Zukunftsoptionen und durchgezogene Programmatik mit erkennbarem Ziel. Unterstützt durch eine von uns etablierte Geschäftsführungsebene zur Straffung der KV-Vertretung statt des zurückliegenden Debattierclubs fünf zerstrittener Vorstände. Wir haben Ruhe in die KVBW gebracht und über unzählige Termine vor Ort die Mitglieder wieder stärker eingebunden. So haben wir unser Selbstbewusstsein als Berufsgruppe reaktiviert. Nämlich das Bewusstsein dafür, dass wir Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten stolz auf unsere Arbeit sein dürfen und Dank statt Schelte von Politik und Gesellschaft verdienen. Dabei konnte ich als Vorstand in einer Koalition der Weiterentwicklung mit vielen anderen wesentlich Inhalte mitbestimmen. Niemand mehr stellt die KVen und insbesondere die unverzichtbare Leistungspalette der Niedergelassenen infrage – weder in der Ärzteschaft noch in der Politik. Jeder hat gemerkt, wie wichtig die KVen sind, gerade aktuell in der Pandemie.
Das mit dem größten Erfolg ist schwierig. Die Notfalldienstreform dieses Vorstandes gehört sicherlich dazu. Ich habe die Vergütung jährlich deutlich, d. h. weit über die Inflationsrate hinaus, um circa drei bis sechs Prozent erhöht und gerade zu Beginn mit einer asymmetrischen Honorarverteilung einzelnen Fachgruppen die Existenzsicherung wieder ermöglicht. Die Hausärzte in Baden-Württemberg sind seit Jahren ausbudgetiert. Für sie konnten KVBW-spezifische Zusatzvergütungen mit den Krankenkassen in ganz erheblichem Umfang erreicht werden. Im fachärztlichen Bereich sind mittlerweile über 50 Prozent des Honorars ausbudgetiert. Ich habe das hierfür mitverantwortliche TSVG stets politisch gefordert, die Gesetzgebung begleitet und hier umgesetzt, um BW-spezifische Einzelleistungen zu implementieren. Wir haben durch den von mir zu verantwortenden Praxisindividuellen Richtwert (PiRW) bei Arzneimitteln und die von mir bundesweit zu verantwortenden Besonderen Praxisbedarfe und Langzeitverordnungen klare Maßstäbe bei den Wirtschaftlichkeitsprüfungen gesetzt und so dieses Damoklesschwert erheblich abgestumpft. Denn: Die Verfahren gegen Ärztinnen und Ärzte haben dadurch bei Arzneimitteln um circa 90 Prozent und bei Heilmitteln um circa 30 Prozent abgenommen.
Es gibt als Boden aller Lösungsansätze ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Krankenkassen. Und wir haben wichtige Weichen für die organisatorische Fortentwicklung der KVBW gestellt. Es war auch diese KVBW, die die Ärzteschaft mit Schutzschirm und Schutzausrüstung gut durch die Pandemie brachte – lange bevor der Gesetzgeber uns unterstützte. Keiner blieb wegen der Pandemie wirtschaftlich auf der Strecke. Klar ist, dass all dies und vieles andere mehr nur durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Vertreterversammlung möglich wurde. Denn nur ärztliche Einigkeit und große klare Linie ermöglichen Weiterentwicklung und nicht fachgruppenspezifische Streitereien um Kleinigkeiten und gegenseitige Übervorteilung.

MEDI: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Metke: Das werden ohne Zweifel die Sicherstellung und die Digitalisierung sein. Insbesondere gehören dazu aber auch Lösungsansätze wie das höchste Gut, nämlich selbstständige und freie Arbeit. Ärztliche und therapeutische Tätigkeit, die nicht durch Verwaltungen und systemfremdes Private- Equity-Kapital bestimmt ist. Auch unter den Rahmenbedingungen Feminisierung und Teilzeit muss inhabergetragene Tätigkeit weiter möglich sein. Ich ärgere mich, wenn uns der Ärztemangel angelastet wird. Ich weise nur darauf hin, dass sich die Politik bis vor ein paar Jahren geweigert hat, anzuerkennen, dass wir hier überhaupt ein Problem haben. Es ist erst wenige Jahre her, dass beispielsweise zusätzliche Studienplätze als nicht erforderlich erachtet wurden. Der Ärztemangel bei den Haus- und Fachärztinnen und -ärzten schlägt jetzt voll zu. Und hinsichtlich Digitalisierung ist es ein Jammer, was passiert. Die bisherigen Anwendungen stiften noch keinen Nutzen, kosten jede Menge Geld, verursachen großen Ärger und funktionieren nicht richtig. Sozusagen als Merkposten: Von der ePa bis zur KIM – einfach schlimm. Da können wir nur hoffen, dass sich etwas ändert.

MEDI: Was möchten Sie Ihren Nachfolgern mit auf den Weg geben?

Metke: Neben dem Dargelegten möchte ich mitgeben, dass es nach außen nur die einen Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu geben hat. Denn Erfolg ist immer der Spiegel für Geschlossenheit auf Vorstandsebene, in der Vertreterversammlung und den Gremien. Streit und Intrigieren untereinander sind in der Gesundheitspolitik das Ende erfolgreicher Vertretung. Unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger werden andere Akzente setzen. Das ist gut und richtig so.

MEDI: Vielen Dank!

Corinna Lutz / Tanja Reiners

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Die MEDI-Vorstandschaft sagt:

Danke, lieber Norbert!

Er weiß, wie man Nerven beweist: Als Orthopäde in Niederlassung, langjähriger KVBW-Vorstandsvorsitzender und Vater von fünf Kindern musste Dr. Norbert Metke sicherlich den ein oder anderen Kampf austragen. In Sachen Berufs- und Gesundheitspolitik hat er viel bewegt – jährlich gesteigerte Honorare, ein neuer entbürokratisierter Heilmittelkatalog, die Entbudgetierung zahlreicher (Fach-) Bereiche und die Einführung von Selektivverträgen in Form einer gesteuerten Versorgung sind nur wenige der Errungenschaften, die auf ihn und sein Wirken zurückzuführen sind. Er ist ein Mann der Visionen. Ein Macher. Er ist Mitbegründer und Namensgeber von MEDI. Er weiß die Menschen in seinen Bann zu ziehen, hat immer ein schlagkräftiges Argument parat. Er überzeugt mit fundierten Fakten, Witz und Charme: „Auf geht`s: Wählst du noch, oder hast du schon? Auf Ihre Wahl kommt es an!“ oder „Von der ePA bis zur KIM – einfach schlimm“ – Dr. Norbert Metke, wie er leibt und lebt. Nach zwölf Jahren an der KV-Spitze heißt es nun Abschied nehmen. Lieber Norbert, wir danken dir für deinen unermüdlichen Einsatz und deine hervorragende Arbeit und wünschen dir auch in Zukunft alles Gute!

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