MEDI-Chef Baumgärtner: „Wir reden nicht nur, sondern handeln“

Bis zum ersten August können Ärztinnen und Ärzte ihre Stimmen für die KV-Wahl in Baden-Württemberg abgeben. Im Interview spricht Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg e. V. Dr. Werner Baumgärtner über die Vorzüge des MEDI-Spitzenkandidaten Dr. Karsten Braun, die größten Herausforderungen der KV in den kommenden Jahren und wie sich MEDI aufgestellt hat, diese großen Aufgaben erfolgreich zu meistern.

MEDI: Herr Dr. Baumgärtner, MEDI-Gründer Dr. Norbert Metke wird dieses Jahr als KV-Chef abgelöst. Sie kennen ihn seit mehr als 30 Jahren. Was schätzen Sie an ihm besonders?

Baumgärtner: Natürlich seinen Humor, seine offene Art und Ehrlichkeit und seinen Mut zu kämpfen, auch wenn es manchmal unbequem ist.

MEDI: Was sind aus Ihrer Sicht seine Errungenschaften als KV-Vorstandsvorsitzender?

Baumgärtner: Nun, seine Vorgänger, die am Schluss niemand gewählt haben wollte, hatten in der EBM-Reform einen nie dagewesenen Honorarabfluss von circa 600 Millionen zu verantworten. Basiswirksam, das bedeutet, uns fehlt diese Summe seither jedes Jahr im Honorartopf!
Norbert Metke hat danach mit einer cleveren Honorarpolitik die Verhältnisse deutlich verbessert. Es gab keine Verluste mehr und er kümmerte sich sehr engagiert auch in Berlin um bessere Rahmenbedingungen. Zusammen mit einem geordneten Miteinander von Kollektiv-, Hausarzt- und Facharztverträgen entwickelten sich in Baden-Württemberg Verhältnisse, um die wir bundesweit beneidet werden.

MEDI: Der neue MEDI-Spitzenkandidat für die KV-Wahlen 2022 ist der Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Karsten Braun aus Wertheim. Wo sehen Sie seine großen Stärken?

Baumgärtner: Zuerst einmal ist er ein gestandener Arzt und Unternehmer, der mit seiner Familie und seinen Partnerinnen und Partnern die ärztliche Versorgung in seiner Region durch ein Ärztehaus und eine große Praxis modernisiert hat. Wir brauchen einen unternehmerisch denkenden und erfolgreichen Arzt als KV-Vorsitzenden, das ist für mich ein KO-Kriterium. Zweitens ist Karsten Braun lange bei uns in den Gremien aktiv und hat auch mir über die Schulter geschaut. Er weiß was zu tun ist und wird auch eigene Akzente setzen. Er hat einen Hintern in der Hose.

MEDI: Was werden die größten Herausforderungen für die KV in den kommenden Jahren sein?

Baumgärtner: Der Kollektivvertrag ist löchrig wie Schweizerkäse und die Politik setzt nicht auf die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Das ist nicht neu, aber immer mehr Praxen kommen mit den Rahmenbedingungen nicht klar und werden nicht nachbesetzt oder gehen an Investoren. Zudem ist Substitution ärztlicher Leistung politisch groß in Mode und den Rest soll Dr. Google erledigen. Das meine ich nicht zynisch, sondern das ist gesprochene Realität in Berlin.

Zwei Dinge helfen uns an der Stelle: Erstens, dass wir immer weniger werden und zweitens, dass die Patientinnen und Patienten die ambulante Versorgung ausgesprochen schätzen. Der neue KV-Vorstand wird sich deshalb mit neuen Strategien anfreunden müssen. Wer immer alles gangbar macht wird nicht ernst genommen.

MEDI: Young MEDI ist eine Gruppierung fachübergreifender junger Ärztinnen und Ärzte, die in diesem Jahr eine eigene Wahlliste hat. Sie geben der neuen Generation der Ärzteschaft als eigenständige Gruppe bewusst eine eigene Stimme. Warum?

Baumgärtner: Ganz einfach, in der KV und auch in den Verbänden steht ein Generationenwechsel an. Das kann holperig werden, muss es aber nicht. Deshalb brauchen wir eine starke Young MEDI Truppe. Wir brauchen neue Kolleginnen und Kollegen, denn MEDI ist aus einer jungen aktiven Gruppe entstanden und dieser einzigartige Verband muss erfolgreich weitergeführt werden. Wer dies bezweifelt muss sich nur in anderen KVen umsehen.

MEDI: Sprechen wir über ein paar wichtige aktuelle Themen: Die iMVZ bereiten den Ärztinnen und Ärzten große Sorgen. Was hält MEDI dagegen?

Baumgärtner: Nun erst einmal das Freiberufler-MVZ, das Ärztinnen und Ärzten gehört und bei dem die angestellten Ärztinnen und Ärzte auch Teilhabende werden können. Das haben wir auch politisch gefordert und erreicht. An der Stelle ist auch wichtig, dass junge Ärztinnen und Ärzte hier mitziehen und iMVZ links liegen lassen. Wichtig ist auch, dass sie uns unterstützen und nicht andere Gruppierungen, die diesen Entwicklungen nichts entgegenzusetzen haben außer Gerede oder denen egal ist, ob jeder Klinikträger sein MVZ einrichtet.

MEDI: Wie geht es weiter in Sachen TI und Digitalisierung?

Baumgärtner: Weiter intransparent, teuer, chaotisch und mit dem Kopf durch die Wand. Ich bin immer noch sauer, dass die KVen diesen ganzen Konnektoren-Mist nicht blockiert haben und mit Angstkampagnen 90 Prozent der Praxen in diese unsägliche TI gezwungen haben. Mit Interessensvertretung für ihre Mitglieder hatte das nichts zu tun!

Zudem hätten wir in Baden-Württemberg eine kostengünstige Alternative und eine Schnittstelle, die ohne Konnektoren auskommt. Aber wir haben unsere technisch bessere eAV wie Sauerbier auf Bundesebene angeboten. Herrn Lauterbach sogar ganz persönlich – ohne Antworten zu bekommen.

MEDI: Wie können wir den Arzt- und Ärztin-Beruf attraktiver machen, um den Mangel entgegenzuwirken?

Baumgärtner: Der Beruf Arzt und Ärztin ist weiter attraktiv und auch für mich einer der schönsten Berufe. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen aber nicht mehr für die Freiberuflichkeit und Selbstständigkeit. Wenn die Politik mehr Markt will und zulässt, dann muss das auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte gelten. Das Gefängnis aus Budget, EBM, Richtgrößen, Regelleistungsvolumen und vielen weiteren Drangsalierungen muss beendet werden. Die GOÄ, unsere Gebührenordnung, ist noch mit DM hinterlegt und transcodiert – das ist doch ein Treppenwitz. Glaubt jemand, die Juristen oder andere Berufsgruppen würden sich diesen Umgang gefallen lassen?
Mein Lieblingswort ist „Punktsummenneutralität“, was eigentlich das Unwort des Jahres sein müsste, weil es die ärztliche Versorgung behindert und das Morbiditätsrisiko der Gesellschaft auf die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte verlagert. Das alles weiß der ärztliche Nachwuchs und hat deshalb wenig Bock auf eine Selbstständigkeit, bei der die politische Regelungsdichte inzwischen unerträglich ist.

MEDI: Warum ist MEDI besser für alle?

Baumgärtner: Weil wir nachweislich nicht nur reden, sondern handeln.

Tanja Reiners

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