Keine Angst vor der Blutabnahme

Der Kontakt mit Blut bei der Versorgung von Wunden oder bei der Blutabnahme gehört zum Alltag jeder MFA. Aber was tun, wenn der Anblick von Spritzen, Blut & Co. Angst auslöst? Wie können Ärztinnen und Ärzte ihre Mitarbeiter mental unterstützen? MEDI-Psychotherapeut Dr. Matthias Hammer hat ein paar Tipps.

Ängste vor Spritzen oder Blutabnehmen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Wichtig ist dabei zu wissen: Je stärker die Vermeidung ist, desto stärker wird mit der Zeit die Angst davor. Wenn sie sehr ausgeprägt ist, kann man von einer Spritzenphobie sprechen.

Bei allen Phobien ist zu empfehlen, sich wieder schrittweise dem Objekt anzunähern, das Angst bereitet, und lernen das Gefühl zu tolerieren. In der Regel tritt dann Angst oder Unsicherheit auf. Wenn man jedoch lange genug in der Situation bleibt, klingt die Angst ganz von alleine wieder ab. Angsterleben hat einen wellenförmigen Verlauf. Die Annäherung an die gefürchtete Situation oder der Umgang mit Spritzen kann stufenweise geschehen: Man kann beispielsweise dabei sein, wenn eine Kollegin das Blut abnimmt. Sich wieder mehr mit Spritzen beschäftigen … Man nennt dies auch Exposition. Das ist der wirkungsvollste Umgang mit Ängsten.

Bereits Wolfgang von Goethe berichtet davon, wie er sich seine Höhenphobie abtrainiert hat – ohne psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung. Er ist auf einen hohen Turm gestiegen und hat sich dort länger aufgehalten, um sich seiner Höhenangst und Panik zu stellen. Er hat dabei erfahren, wie die Angst anfangs extrem stark war und dann langsam abnahm. Goethe hat bewusst eine Situation ausgesucht, in der die Angst ausgelöst wird und hat dann beobachtet und erlebt, was passiert. Auf einer äußeren Ebene passiert nicht viel. Goethe stand vermutlich einfach auf dem Turm und wartete. Innerlich passierte aber sehr viel. Wenn wir uns unseren Ängsten stellen, rollt in der Regel eine Angstwelle an, die sehr stark ist. Vielen Menschen fällt es schwer, mitten in der Angst zu bleiben und sie zu erleben, zu tolerieren und auszuhalten, bis die Welle eben wieder langsam abebbt. Ängste kommen und gehen wie Wellen.

Durch Vermeidung können wir aber nicht lernen mit den Ängsten umzugehen. Wir gehen dann bereits im Vorfeld vielen Situationen aus dem Weg oder nutzen so viele Sicherheitsstrategien, dass erst gar keine Angst aufkommt. Es ist wichtig zu lernen, dass sich Ängste zwar unangenehm anfühlen, aber das eigentlich nichts Schlimmes passiert, wenn wir Angst erleben. In einer Konfrontation stelle ich mich meinem emotionalen Erleben, und erfahre dabei, dass Ängste auch wieder abklingen.

Der zweite wichtige Aspekt besteht darin, dass wir durch Vermeidung nicht wirklich erfahren, ob die Situation nun gefährlich oder ungefährlich ist. Denken Sie noch einmal an das Beispiel von Goethe. Er hat auf dem Turm ganzheitlich erlebt, dass ihm nichts passiert. Er fällt nicht vom Turm. Er erlebt ein starkes Angstgefühl, das ihm Gefahr signalisiert. Bei näherer Betrachtung gibt das Gefühl falschen Alarm. In der Realität besteht keine wirkliche Gefahr. Zu dieser Erfahrung müssen wir immer wieder vordringen. Was geschieht wirklich in der realen Situation? Dazu müssen wir uns den Situationen stellen, wie beispielsweise dem Umgang mit Spritzen und Blutabnehmen. Es zeigt sich oft, dass die reale Erfahrung ganz anders ist, als die Ängste uns einreden.

In aktuellen Untersuchungen der Krankenkassen werden Angststörungen als häufigste psychische Störungen angegeben. Bei Frauen treten Angststörungen doppelt so häufig auf, wie bei Männern. Bei Männern ist es die zweithäufigste Störung nach dem Alkoholmissbrauch.

Wer sich intensiver mit sich und seinen Ängsten beschäftigen möchte, kann die Bücher „Liebe das Kind in dir … und entdecke, was dich stark macht“ (Gräfe und Unzer Verlag 2018) oder “Der Feind in meinem Kopf: Stopp den inneren Kritiker” (Gräfe und Unzer Verlag 2015) von Dr. Matthias Hammer lesen.

 

Dr. Matthias Hammer studierte Psychologie in Tübingen, Chicago und New York. Nach dem Studium hat er eine Ausbildung in Verhaltenstherapie abgeschlossen und promoviert. Er ist Autor mehrerer Bücher zu psychologischen Fragen. Mehr über den Psychotherapeuten auf www.matthiashammer.de.

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