Im Januar beginnt unter dem Projektnamen PSYCHOnlineTHERAPIE die Rekrutierungsphase von Patienten mit Depressionen und Angststörungen, die eine Verhaltenstherapie erhalten. Die Studie ist angedockt an das Modul Psychotherapie im Facharztvertrag für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie (PNP) der AOK Baden-Württemberg und der Bosch BKK.


Das Besondere an dem Projekt ist die Verzahnung der Vor-Ort-Behandlung in Einzeltherapiesitzungen mit Online-Interventionselementen, die die Patienten selbstständig erarbeiten. Auf diese Weise sollen mehr Behandlungskapazitäten geschaffen werden. Überprüft wird, ob das neuartige Therapiekonzept bei geringerem Zeitaufwand für den Therapeuten die gleiche Behandlungsqualität ermöglicht wie Einzelgespräche. Zudem wird evaluiert, wie die flexible Behandlungsoption von Therapeuten und Patienten in der Praxis angenommen wird. Vorgesehen ist die Teilnahme von 900 Patienten und 75 Therapeuten. Gefördert wird das Projekt vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA). Ergebnisse werden Anfang 2023 erwartet.

Die Verzahnung von Online-Interventionselementen mit Einzeltherapiesitzungen sei wissenschaftlich bisher kaum untersucht, so Prof. Harald Baumeister, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Ulm und Konsortialführer des Projekts. „Dieses Konzept ist aber in der psychotherapeutischen Praxis deutlich relevanter als reine Internet- und mobilbasierte Interventionen und außerdem bei der Behandlung psychischer Störungen berufsrechtlich unmittelbar umsetzbar. Und die PSYCHOnlineTHERAPIE-Studie ist weltweit eine der größten jemals durchgeführten Psychotherapiestudien und die erste ausreichend große im Bereich der verzahnten Therapie.“

Stärkere Fokussierung auf die Krankheit
Die Online-Interventionen sind als strukturierte therapeutisch begleitende Selbsthilfemodule konzipiert mit dem Ziel, dass der Patient sich mit seiner Erkrankung vertiefend auseinandersetzt. Dazu dienen Videos oder Audio-Übungen mit Informationen und Umsetzungshilfen. Sie sollen dazu beitragen, negative Denk- und Verhaltensmuster nachhaltig zu verändern.

Patienten haben so die Möglichkeit, Zeit und Tempo selbst zu bestimmen, um durch Übungen das Gelernte gleich in ihren Alltag übernehmen zu können. Die Materialien werden auf einer passwortgeschützten und verschlüsselten Online-Plattform bereitgestellt, die auch einen gesicherten Austausch zwischen Psychotherapeuten und Patienten ermöglicht. Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg kommentiert: „Die letzten Monate haben gezeigt, dass digitale Anwendungen keine Notlösungen sind, sondern als sinnvolle Ergänzung oder Alternative zur herkömmlichen Therapie gut funktionieren können. Die verzahnte Therapie ist ein vielversprechendes Konzept, um Versorgungslücken in effizienter Form zu reduzieren und Wartezeiten zu verkürzen.“

Die randomisierte klinische Studie PSYCHOnlineTHERAPIE umfasst drei Gruppen. Online-Sitzungen werden in zwei Interventionsgruppen untersucht: Zum einen je acht Standard-Einzelgespräche gemäß PNP-Vertrag im zweiwöchigen Wechsel mit acht Online-Sitzungen (fix) und zum anderen eine Verteilung nach therapeutischem Ermessen (flex). In der dritten Gruppe werden nur Einzelgespräche im Rahmen des PNP-Vertragsmoduls Psychotherapie durchgeführt. Analysiert werden die Kriterien Wirksamkeit, Kosten-Effektivität sowie Akzeptanz und Durchführbarkeit.

Realistische Versorgungssituation
Diplom-Psychologe Rolf Wachendorf, Vorsitzender der Freien Liste der Psychotherapeuten in Baden-Württemberg und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von MEDI Baden-Württemberg, betont: „Diese wegweisende Studie kommt genau zum richtigen Zeitpunkt und spiegelt durch die Flexibilität des Studiendesigns und die Einbindung in den PNP-Vertrag die Versorgungssituation realistisch wider. Ich hoffe daher sehr, dass wir trotz der Coronapandemie rasch die benötigten Teilnehmerzahlen erreichen.“

Beteiligen können sich alle Psychotherapeuten und Ärzte mit entsprechender Qualifikation und Schwerpunkt Verhaltenstherapie, die am PNP-Vertragsmodul Psychotherapie der AOK Baden-Württemberg und der Bosch BKK teilnehmen.

Das PSYCHOnlineTHERAPIE-Projekt wird durchgeführt unter der Leitung der Universität Ulm (Prof. Baumeister, Prof. Reichert) in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Prof. Ebert) und den PNP-Vertragspartnern. Neben der AOK Baden-Württemberg und der BOSCH BKK sind das die Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, die Freie Liste der Psychotherapeuten und MEDI Baden-Württemberg.